Soundcheck

 

Im Alter nimmt einiges ab. Zum Beispiel die Hörkraft.

Deine Mitmenschen nervt es seit langem, dass du nicht in einer angemessenen Lautstärke sprechen kannst, sondern dass du beim Reden immer schreien musst. Dich nervt es seit langem, dass deine Mitmenschen so leise mit dir sprechen, dass du unentwegt fragen musst, was sie jetzt wieder gesagt haben, weil du’s wieder nicht verstanden hast.

Nur bei einer Gelegenheit nimmt deine Hörkraft nicht ab sondern zu, nämlich, wenn du in ein Konzert gehst. Die Konzerte werden immer lauter, von Mal zu Mal. Gehst du in ein Konzert, verfluchst du deine Ohren und wünscht, sie könnten ruhig etwas tauber sein.

Wobei: anfangs geht’s ja noch beim so genannten Soundcheck, wenn die Musiker ihre Instrumente stimmen und immer „eins, zwo, eins, zwo“ bzw. die englischsprachigen „one, two, one, two“ ins Mikrofon sagen.

Irgendwann geht’s dann los mit der richtigen Musik, aber das krieg ich nie mit, so dass ich meist nach einer halben Stunde meine Sitz- bzw. Stehnachbarn frage: „Stimmen die noch oder spielen die schon?“ Die Antwort darauf ist stets ein vorwurfsvolles Kopfschütteln.

Aber zu diesem Zeitpunkt tobt auf der Bühne längst der Bär, der Lärm steigert sich ins Unerträgliche und ich frage mich, ob ich mal wieder der einzige bin, der das markdurchdringende Kreischen der übersteuerten Instrumente hört. Der Tontechniker am Mischpult scheint wie immer ganz andere Sorgen zu haben als das Wohlergehen meiner Ohren.

Grundsätzlich muss ich sagen, dass ich bei einem Konzert den Soundcheck noch am besten finde. Ginge es nach mir, dann könnten die Musiker danach ihre Instrumente einpacken und nach Hause gehen. Der Soundcheck findet nicht nur bei angenehmer Lautstärke statt, du hörst auch die Virtuosität der einzelnen Musiker. Weil danach macht der Klangbrei untereinander überhaupt nicht abgestimmter Instrumente jeglichen Ansatz von wohltemperierter Melodie sofort zunichte.

Soundcheck statt Konzert, das ist meine Devise. Das ganze wäre weniger zeitintensiv und preiswerter wär’s obendrein.

Nach der letzten Zugabe wanke ich taub und benommen aus dem Saal. Wie es mir gefallen hat, werde ich gefragt. Die ehrliche Antwort: „Die Tigergarnelen von in der Pause waren spitzenmäßig. Die kann ich nur empfehlen.“

Leidensbericht vom 28.6.2009, „Jazz in der Burg“, D-90559 Burgthann

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