Der Weltehrenbürger

Da schau her, sage ich zu meinem Bernhard, da schau her
jetzt, wo so vielen der Stoff ausgeht
wo es praktisch keine Themen mehr gibt
jetzt, wo sogar die professionellen Medien erkennen müssen
nicht wahr, Bernhard, nicht wahr
dass ein gewisser Notstand herrscht
ein so genannter Informationsnotstand
gerade jetzt, wo man es eigentlich am wenigsten erwartet
läuft der Herr Ösi mit samt seinem Blog
den er sinnigerweise oesiblog nennt
zu Höchstform auf
Nicht dass ich jemals daran gezweifelt hätte, am Herrn Ösi
und meinem Bernhard hätte ich ein solches Zweifeln
wenn er je eins gehabt haben hätte sollen
schon ausgetrieben
da können sie Gift drauf nehmen
und zwar das aller stärkste
Die Art und Weise wie er uns erklärt
dass es das Reale gar nicht gibt
ja, gar nicht geben kann
weil es eben eine bloße Kopferfindung ist
die sich beim Menschen im Gehirn abspielt
und weil das einzige, das wirklich existiert
eben das Virtuelle ist
mein Gott, Bernhard, diese ganze Problematik
ist wahrlich alles andere als eine einfache
Die Tatsache, das wir alle virtuelle Wesen sind
hat ja vor dem Herrn Ösi noch nie einer angesprochen
beziehungsweise ausgesprochen
ja nicht einmal angedacht hatte sie jemals einer
obwohl laut Herrn Ösi, nicht wahr, Bernhard, nicht wahr
und seinem gesunden Menschenverstand
es gar nicht anders sein kann
als dass das Virtuelle sich das Reale bloß einbildet
und nicht umgekehrt, wie er sagt
Die Einfachheit
mit der Herr Ösi die kompliziertesten Vorgänge beschreibt
nötigt mir den allergrößten Respekt ab
grandios, sein Beispiel, wo es um die Farbe Blau geht
wir wir alle – virtuell gemeint – blau als blau wahrnehmen
so wie wir das rote Auto als ein rotes sehen
das gelbe als ein gelbes und so weiter
Bernhard, es ist zum Verzweifeln
wenn ich es doch nur besser rüber bringen könnte
wir sind, streng genommen
nur die virtuelle Einbildung unser einer selbst
der ganze Existentialismus: ein Schmarren
die französischen Herren, sagt der Herr Ösi
haben in ihren Kaffeehäusern
jahrzehntelang in die falsche Richtung hin gedacht
jahrzehntelang exzellenten Wein getrunken
Zucker und Milch freien Kaffee runter gespült
und zwischendurch immer wieder den gefährlichen Absinth
aber raus gekommen ist dabei weniger als Nix
zugegeben: ein paar herrliche Vollräusche
wissenschaftlich gesehen mehr als enttäuschend
jetzt aber endlich der Herr Ösi
Droben im hohen Norden, also in Stockholm
bereiten sie schon den Nobelpreis für ihn vor
allein, die Kategorie ist noch völlig unklar
weil es sie noch nicht gibt
um einen wie den Herrn Ösi einer Kategorie zuzuordnen
muss diese erst erfunden werden
In seiner grenzenlosen Bescheidenheit
hat der zukünftige Preisträger längst abgewunken
während die gelehrten Professoren
noch über ihren Büchern …
zwischen Absinth und noch nicht erfundenen Kategorien … brüten
Weltehrenbürger
hat er schon mal verlauten lassen
Weltehrenbürger
das wär doch mal was, in einer Zeit
in der es mehr Nobelpreisträger gibt als Abiturienten
in dieser postmodernen Nobelpreisträgerschwemme
wünscht er sich die Anerkennung
als erster Weltehrenbürger überhaupt
in die Geschichte einzugehen
Bernhard, sage ich zu meinem Bernhard
der ja bloß ein einfacher Staubsaugerbeutelvertreter ist
du kennst alle in diesem Land verwendeten Staubsaugerbeutel
du bist kein Nobelpreisträger
den Nobelpreisträger habe ich mir leider leider
viel zu früh abschminken lassen müssen
mein Bernhard kennt seine Staubsaugerbeutel
in- und auswendig, sortiert sie sogar im Schlaf
mehr als 800 verschiedene Modelle
eine beachtliche Vielzahl
für ein Land wie das unsere
Während ich in melancholischen Momenten
meinen nie gehabten Nobelpreisträgern hinterher weine
wechselt mein Bernhard schnell einen Staubsaugerbeutel
keiner, wechselt in diesem Land
schneller einen Staubsaugerbeutel als mein Bernhard
wofür wir uns beide aber nix kaufen können
während die neunmalklugen Nobelpreisträger
meist gar nicht wissen
wozu so ein Staubsaugerbeutel überhaupt gut ist
nicht wahr, Bernhard, nicht wahr
ich fürchte, mal wieder vom Thema abzukommen
der Herr Ösi mit seinem Virtuellen und seinem Realen
war der ursprüngliche Ausgangspunkt
ganz habe ich seine Thesen niemals verstanden
er sagt ja selbst:
die eine oder andere Ungereimtheit
wäre noch auszubügeln, zu verbessern
In einer schnelllebigen Zeit wie dieser
kann die Menschheit nicht darauf warten
bis das Genie seine Gedanken zu Ende denkt
die Ergebnisse müssen raus, halb- oder viertel fertig
aber raus müssen sie, nur raus
die Medien warten Hände ringend
auf ein noch so kleines Ereignis
um es gebührend zu verwursten
egal, ist ja sowieso nur virtuell
wie Herr Ösi jetzt sagen würde
nichts, aber auch gar nichts ist real
bloß virtuell
hörst du, Bernhard, hörst du
alles bloß virtuell
Bernhard? ….
Bernhard?? …
Bernhard!!!

Name und Anschrift der Dame sind unserer Redaktion bekannt.

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11 Gedanken zu “Der Weltehrenbürger

  1. Dschä, so is‘ dat nu mit’em Virtuellen.
    Aber glaub mal nicht, dass das neu gedacht ist. Kennst du doch sicher, das Höhlengleichnis von Plato aus „Der Staat, Siebentes Buch“. Da sitzen gebundene Leute in einer Höhle und sehen Schatten von Schatten getragener Spielpuppen und meinen sie erleben Welt, … oder so ähnlich. … und einer meint irgendetwas zu durchschauen, aber Pustekuchen, der erfasst es, glaube ich, auch nicht.
    Na egal, virtualilieren wir ruhig weiter.
    Und übrigens Staubsauger mit vollen Beuteln büßen ungemein ihre Saugkraft ein.
    Bis neulich.
    🙂

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  2. Schon wieder diese Griechen … aber ich hab’s gleich geahnt, dass ich wohl nicht der Erste bin, der in diese Richtung denkt. Einen Versuch war’s wert …

    Volle Staubsaugerbeutel sollte mann/frau rechtzeitig entleeren bzw. gleich erneuern …

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  3. Sowohl der Nominierung zum Weltehrenbürger als auch der auflaufenden Höchstform wohlwollend glucksend beipflichten möchte … und frag doch bitte mal den Experten, wieso Staubsaugerbeutel gar so sakrisch teuer sein müssen, zumal manche Marken ein exklusives Design ihr eigen nennen, das genau genommen ja doch nur im Staube verkommt und in keiner Kunsthalle ausgestellt wird …

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  4. Is‘ ja, wie mein Bernhard immer sagt
    nix anderes wie bei den Druckerpatronen
    wo er Recht hat, hat er recht
    der Herr Spezialist und nicht Nobelpreisträger
    ausgehend von der Staubsaugerbeutelproduktion
    hat man den Drucker für den Haushalt erst erfunden
    es sind ja die selben Techniker
    die hier wie auch dort arbeiten
    der Staubsaugerbeutel unterscheidet sich von
    der Druckerpatrone nur marginal
    wenn überhaupt im Aussehen
    der eine wird leer gelierfert
    die andere voll (in Würklichkeit halb leer)
    auf der Produktionsschiene, also im Betrieb
    fahren sie nebeneinander her
    der Lagerist muss bloß aufpassen
    dass er die richtige Verpackung nimmt
    natürlich kommt es immer wieder vor
    dass die Hausfrau im Staubsauger
    eine Druckerpatrone einsetzt
    statt einen Staubsaugerbeutel
    dann, natürlich, eine Riesensauerei
    das amüsiert meinen Bernhard am meisten
    diese Verwechslungen im Haushalt
    solange ich nix verwechsle
    sagt mein Bernhard immer
    und hört nicht auf zu lachen

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  5. So, so, der Ösi legt sich mit den Existenzialisten an? Die können sich nicht mehr wehren. Liegen längst in ihren schwarzen Pullovern begraben. Gestern Nacht ist mir allerdings Jean Paul Satre im Traum erschienen und hat mich beauftragt dir folgendes mitzuteilen:
    Wider Erwarten habe er sich nach dem Ableben nicht nur mit dem Tranzendentalen sondern darübehinaus noch mit dem ihm bis dato nicht geläufigen Virtuellen auseinander setzen müssen.
    Die Realität sei schon gegeben, allerdings sei sie oft grau und Trostlos, das Virtuelle biete eben mehr Möglichkeiten seine Phantasien auszuleben und er bedaure, es zu Lebzeiten nicht wahrgenommen zu haben.

    Dann wollte er noch wissen ob mit „Bernhard“ Thomas Bernhard oder Bernhard von Clavieux gemeint sei.

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  6. Na ja, Herr Satre hat jetzt genug Zeit, sich mit den aller möglichen Dingen auseinanderzusetzen. Vielleicht entsteht die echte Realität erst im Jenseits. Wer weiß? Und mich bringt es auf die Frage, ob wir uns hier im Diesseits womöglich gar mit den falschen Themen beschäftigen. Mit „Bernhard“ war natürlich der Thomas gemeint, dessen Schreibstil ich nach wie vor äußerst vergnüglich finde.

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