Die Chance

Sie werden es nicht glauben
ich bin ja so was von aus dem Häuschen
stellen sie sich vor, wer heute morgen bei mir angerufen hat
nein, sie werden es nicht erraten
der Bernhard war längst außer Haus
ein Staubsaugerbeutelvertreter beginnt seien Arbeitstag früh am Morgen
die meisten Menschen beginnen ihren Tag
gleich nach dem Aufstehen und noch vor dem Frühstück
mit Staubsaugen
der ganze Dreck, der sich über Nacht angesammelt hat
Unrat und so weiter
früh schlägt die Stunde des Staubsaugerbeutelvertreters
die Konkurrenz ist sehr hart, eine der härtesten überhaupt
eine Vielzahl von Staubsaugerbeutelvertreter
kämpft verzweifelt um die Kundschaft
und mein Bernhard mittendrin
Da läutet das Telefon
ich schau auf die Nummer, weil ich denke, wieder die Nachbarin
aber die Nummer ist mir nicht bekannt
ich denke an meinen Bernhard
der sich da draußen mutig um die Kunden prügelt
aber vor allem daran, wie er immer sagt
nicht abheben, wenn du die Nummer nicht kennst
nicht abheben, wenn ein Unbekannter anruft
sonst haben wir wieder ein Abo an der Backe
zugegeben: an manchen Tagen schließe ich mehr Abos ab
als mein Bernhard Staubsaugerbeutel verkauft
die Kunst des Nein-Sagens beherrsche ich am aller wenigsten
deshalb weiche ich einen Schritt zurück
als ich die unbekannte Nummer sehe
nicht abheben, nicht abheben, nicht abheben
Als ich nach dem fünfzehnten Läuten dennoch abhebe
aus Neugier, wie mir mein Bernhard später unterstellt
ist der Herr Ösi in der Leitung
ich natürlich total perplex
er versichert mir, dass er mir nix verkaufen will
keine Abos, keine oesiblogs, überhaupt kein gar nix
wir kennen uns ja flüchtig aus dem Supermarkt
der Herr Ösi und ich
ich praktisch als eine seiner größten Bewunderinnen
das sage ich ihm auch und er
natürlich sofort ein bisschen bauchgepinselt
Ob ich seine letzten und aktuellen Arbeiten kenne
die Geschichten mit dem Realen und dem Virtuellen
dass er unermüdlich daran arbeite
das Reale abzuschaffen
und durch das Virtuelle zu ersetzen
Ganz blicke ich beim Herrn Ösi nicht durch
gebe ich ihm zum Protokoll
das tut keiner, erwidert er
sonst wären sie ja gescheiter als ich selbst
kurz: es sei nicht entscheidend
seine wissenschaftlichen Arbeiten zu verstehen
er suche bloß eine zuverlässige Kraft
die ihm jederzeit ohne zu Murren zur Verfügung steht
Schreibarbeiten inklusive
Sie ahnen schon
die ganze Welt hätte ich umarmen können
in diesem Moment der Glückseligkeit
gibt es was Schöneres
als für den Herrn Ösi zu arbeiten
im Dienste der Wissenschaft und des Fortschritts
ganz kurz denke ich an meinen Bernhard
und an seine Staubsaugerbeutel
aber wie gesagt: nur ganz kurz
als ich nach meiner Bezahlung frage
gespenstische Stille am anderen Ende der Leitung
Begeisterung, liebe Frau, Begeisterung
ist das aller Wichtigste im Leben
sagt Herr Ösi nach einer längeren Pause
Sind die paar Ungereimtheiten, Kinderkrankheiten
immer wieder sagt er Kinderkrankheiten
erst mal aus der Welt geschafft
steht einer Zertifizierung seiner Theorien
durch die zuständigen Behörden nichts mehr im Wege
die Kinderkrankheiten in den Griff bekommen
danach sind die Behördengänge bloß eine Formalität
erst die Kinderkrankheiten, dann die Behördengänge
Behördengänge und Kinderkrankheiten
plappere ich in Unwissenheit vor mich hin
nein, erst die Kinderkrankheiten, dann die Behördengänge
korrigiert er mich
erst die Kinderkrankheiten ausmerzen
dann die Behördengangsformalitäten vornehmen
Sind wir erst mal zertifiziert
das war der Moment und ich hoffe, sie hören es heraus
wo er zum ersten mal wir gesagt hat
sind wir erst mal zertifiziert
dann werden sie so reich sein
dass sie gar nicht mehr wissen werden
wohin mit dem vielen Geld
Dann geht die Arbeit erst richtig los
die gesamte Wissenschaft muss reformiert werden
die zur Zeit gültigen Naturgesetze haben dann
naturgemäß keine Gültigkeit mehr
da wird kein Stein auf dem anderen bleiben
alle Kapitel der Menschheit
werden umgeschrieben werden müssen
das schafft neue Arbeitsplätze in Hülle und Fülle
Er malt in blumigen Worten eine riesige Firmenzentrale
spricht davon, dass die Anzahl der Mitarbeiter bereits im ersten Jahr
die Mitarbeiteranzahl von Microsoft übersteigen wird
spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen
wo ich als allseits beneidete Vorstandssekretärin
hoch oben in der Chefetage residieren werde
Mein lieber Schorle
da wird sich mein Bernhard mit seinen Staubsaugerbeuteln
aber warm anziehen müssen …

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12 Gedanken zu “Die Chance

  1. Es ist eine Tragik … ich, die das Wort Neid nur vom Hörensagen und Niederschreiben kennt … also ich … nun … nämlich … spüre genau diesen soeben aufs Eruptivste in mir hochschnellen … weil … es ist soooo ungerecht … denn … ach … diese Staubsaugervertretersgattin … wieselflink, wie man es ausschließlich ihrem Mundwerk, aber doch niemals ihrer Reaktionsfähigkeit zutrauen würde … mir nun den hoch begeisterungsdotierten Posten der Ösischen Vorstandssekretärin direkt vor der Nase weggeschnappt hat … seufz … mit meinem letzten Staubsaugerbeutel nach ihr schmeiße … mich auf den Boden werfe … mir schmerzbetäubenden siebenbesternten Cognac einflößen muss …

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  2. Staubsaugerbeutelvertretersgattin … !

    Meine liebste Landsfrau, grämen sie sich nicht, noch verdient diese „sogenannte“ Dame keinen einzigen müden Cent und ob sie es bis hinauf in die Chefetage schaffen wird, ist noch längst nicht ausgemacht. Das Problem mit dem Herrn Ösi ist ja auch, dass er seine Mitarbeiter so sehr stresst, dass diese keine freie Minute für sich mehr haben. Und ich kenne keinen, der da freiwillig z. B. auf den superben riverjessie-Blog verzichten würde …

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  3. Herrje, Beutel natürlich, noch gestern vorm Einschlafen hopsten sie mir zwischen die gezählten Schäfleins, es sind doch die Beutel, die vertreten werden, aber man möge es meiner Aufregung zuschreiben, was natürlich keine Ausrede sein soll, nur ein Versuch meinen Ausnahmezustand zu beschreiben …und … dankeschön für das superb-Blümchen …

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  4. Tja, ich stehe noch in den Startlöchern, überlege dies und das, und schon kommt mir die Wissenschaft zu Hülfe. Dann werde ich eben mal die Herren Professoren weiter wursteln lassen … muss aber höllisch aufpassen, dass sie sich nicht meine Verdienste unter den Nagel reißen …

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