Krass, Herr Grass

Lieber Herr Grass,

zugegeben: der Ösi findet Sie sehr sympathisch, und das nicht nur, weil er selber Günter heißt. Mit der größten Begeisterung hat er in jungen Jahren Ihre „Blechtrommel“ verschlungen. Boah!, das war was!

Warum es bei diesem einen Werk geblieben ist, warum keine weiteren folgten, kann er freilich nicht erklären, es war halt so.

Vielleicht hatte er keine Zeit oder es fehlte ihm die nötige Konzentration, sich dickeren Romanen hinzugeben. Vielleicht war auch der SPIEGEL schuld, den er damals entdeckte und lieben lernte. Damals …

Eigentlich hätte an dieser Stelle ein ganz anderes Posting erscheinen sollen. Eigentlich …

Zum Glück habe ich vorhin über Ihre Person gegoogelt, denn sonst hätte ich gesagt, DaDaEr (DDR), ich kenne da einen Herren, den Herrn Dino, höchst talentiert, einer, der sich immer ein bisschen runter macht, aber Sie wissen ja, letztendlich sind das die ganz Großen. Den sollten Sie mal lesen.

Für mich hat die „Blechtrommel“ in der DaDaEr gespielt, fragen Sie nicht warum, aber als Ösi bin ich wohl entschuldigt, Internet gab’s damals keines und unsere Atlanten waren auch nicht die aktuellsten, also DaDaEr.

Den SPIEGEL hat der Ösi bis vor wenigen Jahren noch ziemlich regelmäßig gelesen. Bis er entdeckte, ey, das Ding flacht mehr und mehr ab, wird schwammiger, oberflächlicher, x-beliebig, nichtssagend.

Das war ungefähr der Zeitpunkt, wo er selbst zu schreiben begann, weil einer, der nicht mehr liest, doch wenigstens schreiben sollte. Am SPIEGEL bewunderte er die Art und Weise, die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Journalisten der Politik über die Schnäbel fuhren. Leider ist nix davon geblieben.

Während früher die Regierenden Pressemitteilungen raus gaben, um ihren Standpunkt klar zu machen, erledigen heutzutage die Medien diesen Part für die Politiker. Und zwar freiwillig! Kein Politiker könnte seine Forderungen so schön formulieren, wie die Arsch kriecherische Presse es für ihn tut.

Wir haben ja beide das Problem, geistig in einer längst vergangenen Zeit zu leben, wo es so was wie Pressefreiheit noch gab. Wir plaudern ungezwungen, berufen uns auf die Meinungsfreiheit und dann … Zack! holen sie uns in die Wirklichkeit zurück.

Meinungen dürfen künftig nur geäußert werden, wenn sie im Gleichklang mit den hohen Damen und Herren aus der Politik stehen. Alles andere ist verboten. VER-BO-TEN! VER-BO-TEN!!

Immerhin, lieber Herr Grass, haben Sie im Vergleich zum Ösi das größere Sprachrohr, die größere Leserschaft … und das größere Talent.

Lassen Sie sich nicht unterkriegen.

Herzlichst
Ihr Ösi

 

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25 Gedanken zu “Krass, Herr Grass

  1. Cool!

    … ich wollte mich da nicht rein hängen, man kriegt schon wieder allergische Reaktionen nach der 234. Portion (über) Grass, aber eines wollte ich noch kurz anmerken: das ist nicht so „schlimm“, dass Du das in die DaDaEr „verortet“ hast (man sagt das so, man sagt „verortet“, hüstel), denn diese automasochistische Technik, den von den Erwachsenen (was immer das sein mag) verordnetem Wachstumsverbot noch eins drauf zu setzen, indem man es sich gleich selbst verordnet, ist System übergreifend, wovon der Dino ein garstig fossiles Lied pfeifen könnte…

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  2. Der gute alte Marcel sieht dem Pflänzchen nicht unähnlich und als Kritiker musst du zubeißen können. Jedenfalls kann man nicht behaupten, er hätte bei seinen 7 Ehrendoktortitel heimlich von irgend jemanden abgeschrieben …

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  3. Das habe ich auch nie nich‘ behauptet (obwohl ich ja Antisemit bin)… ich meine nur, dass das halt die üblichen Abläufe zu sein scheinen… nachdem 23456 verantwortungsbewusste Bürger ihre Statements abgedrückt haben, kommt der Obermeister und sacht auch noch mal was… und dann ist erst mal Ruhe im Schiff, höhö…

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  4. Richtig! In einer relativ emotionslosen Zeit – bis zur Fußball-EM ist ja noch bisschen hin – giert das Volk nach Emotionen. Vom willenlosen Schleimer bis zum ernsthaften Mahner ist alles dabei. Erst wenn das Wetter wieder wärmer bzw. die Röckchen wieder kürzer werden, drängen sich die würklich wichtigen Fragen in den Vordergrund …

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  5. Günter Grass hat seine Meinung in der Süddeutschen Zeitung ausführlich und unkommentiert äußern können. Der Vorwurf einer „Gleichschaltung“ ist lächerlich. Das „Gedicht“ ebenfalls.

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  6. Nun, ein jeder Schriftsteller und Nichtschriftsteller hat das Recht, mal lächerlich zu sein. Und warum nicht auch, mahnende Worte zu sprechen. Finde ich nicht lächerlich. Die Gegenseite mahnt ja seit Jahrzehnten und jammert „uns“ die Hucke voll, bei gleichzeitiger Missachtung der Menschenrechte.

    Bin mir aber bewusst, dass ich da als Ösi anders reagiere, weil zur freien Meinungsäußerung erzogen. Der Grund meines Postings war der, dass ich was dagegen habe, wenn Kritik immer nur einseitig erfolgen darf und manche nur mit Glaceehandschuhen angegriffen werden dürfen und das dann ständig ausnützen …

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  7. Soll das allen Ernstes heißen in Österreich wird man zur „freien Meinungsäußerung“ erzogen, in Deutschland dagegen nicht?

    Es geht auch nicht um freie Meinungsäußerung. Wer Gefährdung des Weltfriedens unterstellt sollte das substantieller Begründen. Grass müßte wissen das die Gedichtform dazu nicht taugt und er müßte sich als jemand der mit Sprache umzugehen weiß der Tragweite seiner Äußerungen bewußt sein.

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  8. Die freie Meinungsäußerung, habe ich in Deutschland immer wieder und ausnahmslos! gehört, gibt es beim Thema Israel nicht. Wenn du nun das Gegenteil behauptest, Hut ab und Gratulation, weil dann bist du tatsächlich der Erste, von dem ich das höre. (Ich lasse mich gern eines Besseren belehren)

    Ein Mahner soll ja bekanntlich mahnen, bevor es knallt und zu spät ist und das tut er wohl. So habe ich das verstanden. Was militärisch und geheimdienstmäßig abläuft, gibt Anlass zur Sorge, und wenn man bedenkt, dass Russland und China bei einem Konflikt nicht tatenlos zusehen werden, dann kann man durchaus von einer Gefährdung des Weltfriedens sprechen.

    Tante Angela hat sich wieder so weit aus dem Fenster gelehnt, dass mir selbst im westlichen Gelsenkirchen nicht wohl zumute wäre …

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  9. Natürlich darf man in Deutschland seine Meinung über Israel frei äußern. Ich selber sehe Israels Siedlungspolitik kritisch.
    In keinem demokratisch verfassten Land der Welt sind jedoch Beleidigungen und falsche Tatsachenbehauptungen durch das Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt.

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  10. Jetzt lenkst du ab. Mister Bush hat an dieser Stelle nichts zu suchen. Das ist eine deutsche Problematik
    und das „Gedicht“ von Grass empfinde ich als einen
    Versuch sich aus der Verantwortung zu stehlen.

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  11. Ablenkung? Na ja, du hattest auch übers mein Wesentliche drüber gelesen. Ich wiederhole …

    Ein Mahner soll ja bekanntlich mahnen, bevor es knallt und zu spät ist und das tut er wohl. So habe ich das verstanden. Was militärisch und geheimdienstmäßig abläuft, gibt Anlass zur Sorge, und wenn man bedenkt, dass Russland und China bei einem Konflikt nicht tatenlos zusehen werden, dann kann man durchaus von einer Gefährdung des Weltfriedens sprechen.

    ***

    Das mit der Verantwortung habe ich nicht verstanden. Wer stiehlt sich aus der Verantwortung? Grass? Und vor allem: um welche Verantwortung geht es hier?

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  12. Ich sehe Grass nicht als Mahner. Er schreibt in seinem Gedicht nichts was nicht längst bekannt wäre. Er ist parteiisch. Er verliert kein Wort darüber das Israel sich zurecht bedroht fühlt. Die Botschaft die ich wahrnehme lautet: Die sind auch nicht besser als wir.

    Was die Verantwortung angeht: Es gäbe den Staat Israel wohl nicht wenn der Völkergemeinschaft nach dem 2. Weltkrieg nicht klar gewesen wäre das das jüdische Volk einen eigenen Staat braucht um überleben zu können. Natürlich tragen wir als Täter Verantwortung dafür das dieser Staat weiter existieren kann. Ausführlicher habe ich mich vor einigen Jahren mit der Thematik hier befasst: http://www.manfredkonradt.de/2005/11/12/weshalb_es_alle_angeht_blog~303229/

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