Beuys n da Hood

Herr Beuys (der Name wurde von der Redaktion nicht geändert), Sie gelten als einer der bedeutendsten Künstler Deutschlands. Was in Ihrem Land Gültigkeit hat, muss für die alpenländische Bergen- beziehungsweise Zwergenrepublik nicht zutreffen.

Da gebe ich Ihnen Recht.

Ihre Biografen kehren in diversen Publikationen immer wieder auf den Begriff der „Schüchternheit“ zurück.

Diese Schüchternheit, die Sie ansprechen, zieht sich durch meine gesamte Kindheit wie ein roter Faden. Einerseits wirkte sie sich hemmend auf meine Entwicklung aus, andererseits erlangte ich erst durch sie meine Berühmtheit. Denken Sie nur an dieses Museum in NRW …

… wo Sie trotz größter Blähungen nicht wagten, das museumseigene Toilettenpapier …

… es war ja nicht meines. Die strenge Erziehung gepaart mit meiner Schüchternheit verbat mir, fremdes Toilettenpapier zu benutzen, umso mehr, als wenn dann für dringendere Notfälle als dem meinen, nicht ausreichend Rektalzellulose zur Verfügung gestanden hätte.

Also setzten Sie Ihren Haufen kurzerhand neben einem Botticelli aus dem 15. Jahrhundert.

Was blieb mir denn über? Letztendlich kam die Aktion auch dem Renaissance-Maler zugute.

Wie bitte?

Man interessierte sich plötzlich für ihn und seine Bilder, wo er doch in den Museen eher ein Schattendasein fristete. Der damalige Saaldiener, der übrigens heute als Direktor das Museum leitet, verbarg geistesgegenwärtig meine Hinterlassenschaft unter einer Glasglocke.

Wohl um die anwesenden Besucher vor der sich ausbreitenden Geruchsbelästigung zu schützen.

Das sagen Sie! In Wahrheit erkannte er mein Genie als einer der ersten.

Die Glasglocke ging dann unter dem Namen „Beuys Eins“ rund um die Welt.

Nicht ganz richtig. Da das Kunstwerk begann, sich zu zersetzen, entschloss man sich für eine hermetische Abdichtung. Das Fraunhofer Institut entwickelte dafür einen durchsichtigen Vakuumbehälter, der auch für nachfolgenden Kunstwerke zum Einsatz kam. In Mailand, London, New York und Tokio war man begeistert. Die Japaner richteten aufgrund anhaltender Nachfrage sogar eine Dauerausstellung ein.

Der angesprochene Botticelli …

… wurde später von mir überarbeitet und befindet sich seitdem in der privaten Sammlung eines bekannten Schraubenhändlers.

Kommen wir nun zur Documenta.

Muss das sein?

Man sagt, Sie sprechen nicht gern darüber.

Es ist eins meiner schwärzesten Kapitel. Zumindest die Anfänge. Der Einseitigkeit gerügt, hatte ich mittlerweile begonnen, Kunstwerke zu schaffen, die sich ohne Fraunhoferisches Ingenieurstum zeigen ließen. Also, hauptsächlich Installationen, die ein jeder mittelmäßig begabter Erstklässler zustande gebracht hätte, hätte ihn nicht die schiere Größe und das Gewicht der Objekte heillos überfordert.

Weshalb viele Ihrer Ausstellungen hauptsächlich von Schulklassen besucht werden.

Erwachsene trauen sich in der Regel da nicht rein. Viele haben außerdem einen guten Ruf zu verlieren.

Verstehe. Und dann die neuerliche Katastrophe.

Ja, wenn man so will. Meine Schüchternheit hatte ich abgelegt. Ich war längst ein etablierter Künstler. Dass ich auf die Documenta schiß, war reines Versehen.

Versehen?

Es war mir geradezu peinlich. Bei den Documenta handelte es sich um die originalen Handschriften eines Eremitenmönchs aus dem 8. Jahrhundert. Ein Kulturgut von unermesslichem Wert. Selbstverständlich bot ich an, für die Restaurierung der Schätze aufzukommen.

Wie war es zu dem Versehen gekommen?

Darauf möchte ich nicht eingehen. Jedenfalls war ich bereit, die Restaurierungs-arbeiten aus eigener Tasche zu bezahlen. Eine meiner Schülerinnen, eine Kunststudentin, mit der ich damals regelmäßig schlief, hatte die Chemikalien schon angerührt. Zu spät, wie sich herausstellte. Kassel hatte sich entschlossen, eine eigene Ausstellung daraus zu machen.

Herr Beuys, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

— * —

Nachsatz: Herr Ösi muss gestehen, sich erst im Rahmen dieses Interviews näher mit dem Künstler Joseph Beuys beschäftigt zu haben. Und findet viele (wenn auch nicht alle) seiner Kunstwerke ganz passabel. Für eine Überarbeitung seines Interviews war es jedoch, wie sich herausstellte, zu spät.

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11 Gedanken zu “Beuys n da Hood

  1. Auch für Beuys gilt: Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande. Hat auch als Kind schon versucht mit dem Zirkus auszureissen.

    Du hast insofern recht als der frühe Beuys eher koventionell war. Er hat an einer Tür des Kölner Doms mitgearbeitet. Es gibt von ihm einen Grabstein (in Kranenburg) und sogar ein „kriegerdenkmal“ (in Büderich).
    Der Beuys der „Fettecke“ ist nicht der ganzr Beuys.

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  2. Ich bin erstmalig im Neuen Museum in Nürnberg auf Beuys aufmerksam geworden. Die gezeigte Installation war für mich alles andere als erbauend. Es ist tatsächlich nicht gelogen, dass ich mich erst im Rahmen des „Interviews“ näher mit dem Künstler beschäftigt habe.

    Mit deiner „Vorgeschichte“ hast du natürlich einen ganz anderen Blickwinkel. Das finde ich, obwohl ich das Wort nicht gerne bemühe, beneidenswert.

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  3. Es gab was Joseph Beuys angeht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der „optischen Erscheinung“ seiner Person und seiner Werke und seinem Auftreten. Er war – im Gegensatz zu vielen anderen „modernen“ Künstlern“ ein geduldiger Erklärer:

    Auch deshalb ist er ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod immer noch „lebendig“, werden seine Werke ernst genommen und sind Anlass für Blogeinträge. Das freut mich.

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  4. Es gab was Joseph Beuys angeht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der „optischen Erscheinung“ seiner Person und seiner Werke und seinem Auftreten. Er war – im Gegensatz zu vielen anderen „modernen“ Künstlern“ ein geduldiger Erklärer:

    Auch deshalb ist er ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod immer noch „lebendig“, werden seine Werke ernst genommen und sind Anlass für Blogeinträge. Das freut mich.

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  5. Was mich am empfohlenen Interview am meisten erstaunt hat, ist, wie gut und glasklar er sprechen kann, also astreine Sätze formulieren, die man auf der Stelle niederschreiben und drucken könnte. Das können die wenigsten.

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    • Liebe Frau Mallybeau,
      während die meisten Fotografen oft jahrelang vergeblich auf der Lauer liegen, auf dass ihnen ein gelungener Schnappschuss endlich gelänge, überzeugt das Schwäbische Almblatt immer wieder mit atemberaubenden Bildern und aktuellen Reportagen aus Politik, Wissenschaft und Kunst.
      Das Schwäbische Almblatt: die absolute Nummer 1 im gesamten Blätterwald!
      Herzliche Sonntagsgrüße 🙂
      Herr Ösi

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    • Lieber Herr Ösi!

      Da Sie und Ihre Mitarbeiter das Weltgeschehen in fantastischer Kettensägenmanier immer wieder zurechtstutzen, wird es den Almreportern natürlich sehr einfach gemacht, da sie in aller Ruhe auf einer Bank im Oesiblog verweilen können und ihnen ganz wie von selbst der nächste Schnappschuss vor die Linse läuft. So wird die Arbeit zum Vergnügen!
      Glücklicherweise haben die Laubsaugbusters das Almblatt noch nicht eingesogen! 🙂

      Sonnige Sonntagsgrüße von der Alm
      Mallybeau

      Gefällt 1 Person

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