Lyrikstunde

In unserer heutigen Lyrikstunde verlassen wir die muffige Stadt und gehen hinaus aufs luftige Land. Die letzte Ampel, gerade aus, dann rechts ab, den Hügel hinan und so weiter. Die Politik und das hektische Weltgeschehen lassen wir in den Fernsehgeräten und Rundfunkapparaten zurück. Et non, je ne suis pas Charlie, je suis Ösi.

Hier, wo Fux und Henne sich gute Nacht sagen, ist die Welt noch in Ordnung, glauben wir zumindest oder auch nicht.

Peter Rosegger, Karl Heinrich Waggerl und Werner Schwab, die großen alpenländischen Heimatdichter, schauen von ihrer Wolke herunter und geben den Landwirten gute Ratschläge, die freilich keiner hören will.
Hans Moser, der alte Nuschler, trällert ein Wienerlied, ungefragt und obwohl er es nicht nötig hätte.

Herr Ösi, überwältigt von so viel Natur und Prominenz auf einen Haufen, beginnt zu dichten …

Der Adel odelt
der Dodel dodelt
das Fadl rodelt

Odelt der Adel
rodelt das Fadl
dodelt das Madl

dann haut das Madel
die große Nadel
dem rosa Fadl
seitlich ins Wadl

sind es Hormone
nicht um die Bohne
sss‘ Christl Meth
das Fadl schaut bled

wir tun dir mästen
weil nur die Besten
Fadl auf Drogen
in hohem Bogen

das Fadl war Adel
in frühen Zeiten
heute der Adel
er macht auf Fadl

Synthetisch die Kuh
gib endlich Ruh
der Bauer braut Raps
& trinkt aus den Schnaps

er fahrt mit dem Trecker
hinaus auf die Äcker
schifft auf die Felder
hierfür gibt’s Gelder

nicht effizient
Agrarreform verpennt
in Saus & Braus
das macht es aus

im Stall die Kuh
seufzt leise Muh
und du … du du
dazu uhu

ständig will der Bauern-Knilch
aus der Kuh heraus die Milch
fliegen Fliegen im wilden Tanz
um die Kuh und ihren Schwanz

die Milch sie spritzt in hohem Bogen
aus ihr heraus ganz ungelogen
ist die Kuh erst links gedreht
ist’s für den Bauern schon zu spät

Gut, die literarische Eleganz oben genannter Herrschaften wird in diesem Poem nicht ganz erreicht. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hat es dem Herrn Marcel Reich-Ranicki, wie den unten stehenden Kommentaren zu entnehmen ist, besonders gut gefallen.

Bundesdeutschen LeserInnen sei erklärt, dass ein Fadl ein Ferkel ist. Der Rest ergibt sich von selbst.

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22 Gedanken zu “Lyrikstunde

  1. Deine Bescheidenheit ehrt Dich, doch die literarische Kunstfertigkeit der oben genannten Herrschaften wird durch dieses tiefgreifende und erschütternde Poem bei weitem überboten, möglicherweise nicht so sehr von der Qualität des Sujets aber von der üppigen Farbenpracht der Darsellungsweise. Das zeitgenössische Gedicht an und für sich hat dadurch sozusagen eine neue Qualität erreicht, man könnte es sogar als einen Quantensprung der Dichtkunst bezeichnen, der die Tristesse des menschlichen Daseins in seiner allumfassenden Banalität mit larmoyanter Eindringlichkeit erfasst und somit Text und Inhalt in bisher unerreichter Harmonie miteinander verschmelzen lässt. Es lässt den Leser gewissermaßen einsam mit sich und den Problemen dieser Welt in tiefer Depression zurück – es erscheint im Nachhinein beinahe zwingend logisch, dass hier nur ein Alpenländler die Kunst bis zur Perfektion treiben konnte, dass ein Ösi kommen musste, um uns vor Augen zu führen, wozu Sprache mächtig ist!

    In Memoriam MRR

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  2. Danke. Meine Rührung ist die allerhöchste. Es ist äußerst selten, das dem Künstler, dem echten, eine derartig erhabene Laudatio noch zu Lebzeiten teilhaftig wird. Die Kunst kennt ja weder schwarz noch weiß, kein oben und unten, kein hoch und kein tief sondern nur die Kunst an sich. Das zu verstehen, ins besonders die schwierige Kunstform des Gedichts als Ausdrucksmittel höchster Komplexität, ist dem – Gänsefüßchen unten – Normalbürger – Gänsefüßchen oben – unvermittelbar, wodurch man, durchaus berechtigt, danach fragen könnte, wenn man denn wollte, wozu um Himmels Willen und vor allem für wen der Künstler seine Kunst erschafft, wenn der mainige Stream nicht in der Lage ist weder die Zeilen noch das zwischen den Zeilen liegende und am aller wenigsten das gar nicht Geschriebene und Gedachte zu interpretieren. Zum Glück gibt es, wenn auch in homöopathisch kleinen Dosen, denDie echteN KennerIn, denDer der Künstler ohne Ausholung in epische Bandbreite in knackig präziser AufdenPunktgebrachtheit das Sujet abschweiflos in seiner gesamten Sinngemäßigkeit und lückenlos hinüberzuvermitteln imstande ist.
    Herzlichen Dank.

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  3. Sehr geehrter Herr Reich-Ranicki, lieber Marcel,

    erst allmählich wird mir bewusst, wem ich die überschwängliche Laudatio zu verdanken habe. Um Sie ist es ja ziemlich still geworden in letzter Zeit.
    Gerne denke ich zurück, wie Sie in zahlreichen Auftritten die Literaten mitsamt ihrem Geschreibsel verbal in der Luft zerrissen haben. Es war mir immer ein großes Vergnügen, Ihren Kritiken beizuwohnen, umso mehr, als ich selbst von Ihnen stets verschont worden bin.
    Hat sich durch Ihre unerbittliche Schärfe gegenüber den untalentierten Schreiberlingen, deren Prozentsatz an die 100 geht, etwas im Literaturbetrieb verändert? Leider nein.
    Heutzutage veröffentlicht fast ein jeder, sobald er imstande ist, einen Lottoschein korrekt auszufüllen, ein, wie er glaubt, epochales Werk, auf das die Welt nur gewartet hat.
    Die Gemeinsamkeit zwischen Ihnen und mir wird immer deutlicher. Auch ich verurteile mittlerweile alle Art von Literatur, die nicht aus meiner Feder stammt.
    Machen wir es kurz, um Ihre kostbare Zeit nicht unnötig zu verschwenden: Ich danke Ihnen vielmals.

    Hochachtungsvoll
    Ihr Ösi

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  4. Ah ja. – Ich finde aber, dass überhaupt und grundsätzlich das Phänomen linksgedrehten Nutzviehs (daher der Name „Rotwild“?) sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der unwissenschaftlichen Literatur viel zu wenig Beachtung findet…

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  5. Richtig. Das Rotwild fristet in der Literatur ein nicht zu begründendes Mauerblümchendasein. Andererseits, in der freien Wildbahn haben Heger und Pfleger dem scheuen Tier nun ein Mützchen aufgepflanzt. Denke mal als Erleichterung für den Jäger, damit dieser, wenn er das Gewehr anlegt, weiß, worauf er zielen soll

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  6. Das schöne Weiß, total vergeudet!

    Hier könnten Weltkonzerne um Werbeflächen buhlen … und der Träger würde, oder besser, er könnte nicht mal dagegen protestieren …

    Was für eine Verschwendung!

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  7. Ich bin überzeugt, dass man irgendwann seine Haut zu Markte tragen kann, indem man bezahlte Werbung drauf präsentiert… also z. B. ziehst Du der Frau das Höschen aus und erblickst gute Werbung für Kondome und so… harhar…

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  8. Hab zwar keine Ahnung, aber ist es bei den ganzen Tätowierten nicht heute schon so? Arschgeweih gleich Jägermeister und so weiter. Vielleicht müsste man Tattoos entwickeln, die sich automatisch wöchentlich oder täglich ändern …

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  9. Pingback: Lyrik Vertonung | oesiblog

  10. … ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mir eben über die kongeniale „Vertonung“ Deiner Dichtung Einen abgekichert habe… ich weiß auch nicht, wie man das nennen soll… Edelklamauk, kunstvoll… manchmal denke ich, das wäre Talentverschwendung, dann aber denkt es in mir, das wäre eben alles so, wie es ist, und man müsse den Ösiblog- Ösi nehmen, wie er ist… – wie auch immer: es kommt noch schlimmer…

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    • Sehr geehrter Herr Oberleeramtsdirektor,
      hiermit bestätige ich die akkurate Verbesserung der angemeckerten Rechtschreibfehler säuberlichst durch den roten Korrekturstift.
      Gezeichnet (… im wahrsten Sinne des Wortes …)
      Herr Ösi
      Rechtschreib-Aggrobad

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