Voll Chlor(e)

Dem Musikantenstadl geht es nicht gut. Die Zuschauer brechen durch das Wegbrechen der Zuschauer alle Rekorde – nach unten.

Der Hias und der Karl Moik, die einstigen Urväter der Sendung, schauen vom Himmel herunter, und irgendwie hat man den Eindruck, es ist ihnen ziemlich egal, um nicht zu sagen: scheißegal, wie’s da unten auf der Erde läuft, und am allerwenigsten scheint sie das Schicksal des Musikantenstadels, ihres Musikantenstadels zu interessieren, weil jetzt haben die beiden freilich ganz andere Interessen und Sorgen Vorlieben.

Nicht, dass du denkst, der Herr Ösi wäre ein Fan von dieser Sendung gewesen. Genau genommen hat er sie nie gesehen, und wenn er schon mal, rein zufällig, auf sie gestoßen ist, dann hat er so schnell auf der Fernbedienung herum gedrückt, um das Programm zu wechseln, das glaubst du nicht. Aber mitbekommen hat er es schon. Der riesige multimediale Erfolg diverser VolksmusikantInnen einerseits, der Niedergang des folkloristischen Treibens im Fernsehen andererseits, quasi ein demografisches Paradoxon, das zu ergründen eigentlich einer gründlichen Untersuchung bedürfte.

Herr Ösi hat nun dem kulturellen Siechtum auf musikalischer Stadel-Ebene ein Ende bereitet, hat selbst ein musikalisches Stück aus der Taufe gehoben, quasi ein Liedchen, ein Liedchen für das Volk kompostiert, welches die Pracht bodenständiger Lederhosenträgerei und verwegenster Bergenkraxlerei zu einer einmaligen Mischung verklumpt. Für alle, denen der Text einer musikalischen Darbietung am Herzen liegt, hier ist er, und zwar in voller Länge:

Aufi auf di Oim.
Wo san di Schwoim?

Der Song ist im klassischen Stil eines Duetts konzipiert, man denke nur an die legendären Sinatra/Hazlewoods und ähnlichen Konstellationen, die mit einer perfekten Ausgewogenheit zwischen männlichem Falsett und weiblichen Tremolo, beziehungsweise umgekehrt – oder meinetwegen völlig anderwärtig – brillieren.

Zwei Zeilen Text?, fragt der Musikliebhaber erstaunt, ja, nur zwei Zeilen Text, antwortet der Compositeur, andere Werke sind dazu verdammt, mit noch weniger Inhalt auszukommen … haben es in die Charts geschafft und sind Hits geworden. So ein Text muss eingängig sein, leicht erlernbar und zum Mitsingen animieren. Duettet man das Lied, kommt man mit einer einzigen erlernten Zeile aus, praktisch Weltrekord, vorausgesetzt natürlich, die Duettaner entscheiden sich nicht für ein und dieselbe Zeile …

Mit dem New-Minimalistic-High-Alpine-Ground-Standing-Genre, oder kurz: NMHAGS genannt, etabliert Herr Ösi eine neue, noch nie dagewesene Gattung im Bereich der Volksmusik.

„Aufi auf di Oim“, also, „Hinauf auf die Alm“, gibt den ultimativen Imperativ zum aktiv werden vor. Da steht der Berg kantig und breitbeinig vor dir, unten der Mensch, im Dirndl oder in der Ledernen, er-sie-es schaut ehrfürchtig zum Gipfel hinauf und will jetzt – in bester Reinhold-Messner-Manier – nur eins: Aufi auf di Oim – koste es, was es wolle.

„Wo san di Schwoim?“, sprich, „Wo sind die Schwalben?“, eine auf den ersten Blick unbedeutende, fast banale Frage, die uns über die maximale Flughöhe von Schwalben philosophieren lässt, vielleicht sogar über die durchschnittliche Fluggeschwindigkeit, sowie die Reichweite der Vögel, wenn da nicht eine andere Frage im Vordergrund stünde, nämlich die, ob in einem eher harmlos klingenden volksmusikalischen Stück, das einzig zur Ergötzung der Leute geschrieben wurde, überhaupt eine Frage aufgeworfen werden soll, noch dazu die Frage, wo sie denn nun blieben, die verdammten Viecher?
Statt über den Schwalbenverbleib lückenlos aufzuklären ist der Text auch schon zu Ende, das heißt, er beginnt wieder von vorn. Und logisch, um Unklarheiten sofort auszuräumen, dürfen – oder besser müssen – im New-Minimalistic-High-Alpine-Ground-Standing-Genre, das ist ja das Revolutionäre daran, Fragen aufgeworfen und unbeantwortet im Raum stehen bleiben, Fragen, die den Hörer beschäftigen, die in sein Unterbewusstsein zielstrebig bewusst eindringen, sich bis zur Bewusstlosigkeit darin fest beißen und nicht mehr locker lassen, quasi Ohrwurm beziehungsweise Ohrschwalbe.

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15 Gedanken zu “Voll Chlor(e)

  1. Ohne Ironie: Ich bin begeistert. Melodischer Minimalismus, überzeugend interpretiert und ganz nebenbei wird den seit Jahrzehnten im konventionell-traditionalistischen Trott verweilenden
    Volksmusikanten gezeigt, welche Chancen sie versäumt, welche Möglichkeiten sie ausgelassen
    haben. Wenn Volksmusik nicht im Schlager aufgehen, sondern eine Zukunft haben soll: So könnte sie aussehen.

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  2. Pingback: Voll verklärte Voll Chlor(e) | Heinrichs Blog

  3. Lieber Herr Ösi,
    ich merke immer wieder, dass ich nicht genug Kunstverständnis, Musikalität und schon lange nicht genug Worte habe, Ihre Werke angemessen zu würdigen. So habe ich versucht, trotz meiner Schüchternheit, mich in der Öffentlichkeit zu äußern, meine Gedanken zu dem eingeläuteten NMHAGS-Zeitalter wenigstens in der Form zu unterstützen, dass ich es allen Menschen mitteile, die von mir noch nicht die Nase oder Ohren voll haben.
    https://heinrich11.wordpress.com/2016/01/26/voll-verklaerte-voll-chlore/

    Viele Grüße Heinrich

    (ich kann eines Tages sagen: Und ich kannte den Herrn Ösi schon, als er noch nicht weltberühmt, bei der Queen und beim Papst war – sozusagen als der personifizierte WeltkulturErbe)

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    • Lieber Herr Heinrich,

      vielen Dank für die tolle Promo’schn, die den oesiblog samt zugehörigen YouTube-Video dank Ihrer aktiven Hilfe in Regionen hinauf katapultiert, wo selbst die unerschrockensten aller Schwalben zum Sauerstoffgerät greifen, weil hier die Luft am allerdünnsten. Dass Ihr Kunstverstand, Ihre Musikalität und die sorgfältige Auswahl der geeignetsten Worte, den Kern jederzeit zu treffen, das Prädikat „vortrefflichst“ verdient, stellen Sie ja selbst immer wieder mit Bravour unter Beweis. Vor Ergriffenheit, die meine meist nur überspielte Schüchternheit jetzt klar übertüncht, verbleibe ich

      Herzlichst
      Ihr
      Herr Ösi

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    • Lieber Landsmann,
      der Doim ist ein herrliches Wort, ja geradezu selbstredend oder selbsterklärend, wo, denke ich, sogar ein Ausländer ohne inländische Sprachkenntnissen sofort weiß, worum es geht. Möge darum dem Doim ein sehr langes bis ewiges Leben beschieden sein …

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  4. In der Tat, mit dem Stadl geht wieder ein Stück echte deutsche Leidkultur verloren!
    Aber glücklicherweise eben nicht das Kulturgut des Volkslieds an sich wie man an diesem grandiosen Machwerk erkennen kann.

    Zwei Zeilen Text sind aus meiner Sicht absolut ausreichend. Immerhin soll so ein Volkslied wie der Name schon sagt von der überwiegenden Mehrheit des Volkes auch verstanden werden können. Dieses ist zeitgemäß interpretiert, einprägsam und bringt dabei die Essenz der alpenländischen Kultur auch noch prägnant auf den Punkt.

    Vielleicht könnte man es evtl. in einer progressiven Version noch etwas orientalisch hinterlegen?

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    • Oder gleich auf arabisch singen. Die Deutschen tun sich ja immer noch ein bisschen schwer, sich ordentlich im Islam zu integrieren, egal welche Anstrengungen die Regierung auch unternimmt.

      تصل إلى المرعى. أين هي يبتلع؟

      wäre vielleicht ein guter Ansatz …

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  5. Volker war in der Volksschule und hat später bei Volkswagen gelernt. Er hat schon eine Menge Geld auf der Volksbank. Er liebt das Volkstümliche und geht in der Freizeit zum Volkstanz, hört Volkslieder, spielt gerne Völkerball und nimmt jedes Jahr am Volkslauf in seinem Dorf teil.
    Nun will er aber noch zur Volkshochschule gehen und Volkswirtschaft lernen. Sein Vater war bis zum Volksaufstand bei der Volksarmee und später bei der Volkspolizei, das hat aber nie….
    .
    … Oh, ich kann nicht mehr. Es soll noch über 250 Wörter geben, die mit „Volk“ oder „Völker“ beginnen. Nich alle sind positiv besetzt. Darum habe ich lieber aufgehört, bevor ich den Volksfeind oder den Völkermord einbaue.

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