The bathroom incident

Alter Schwede! Der Herr Ösi macht sich das Leben leicht. Er gehört zu jener Sorte Männer, die den Weg des geringsten Widerstandes wählen. Er knallt mir ein Manuskript auf den Tisch und brummt: Abtippen! Mit dem neuen Editor kommt er nicht zurecht. Geistig gehört er weder zu den Fittesten noch zu den Flexibelsten. Gut, in seinem Alter ist das irgendwie verständlich. Ich habe den nachfolgenden Text für ihn abgetippt. Jetzt werden Sie sich fragen, was tut er eigentlich? Mein Chef kümmert sich, seinen Aussagen zufolge, verstärkt um die Ösi-Group. Als da wären… die Musik, der Ösi-Film und die Android Apps. Ach ja, hin und wieder ein Text und das Gereimsel, das er Lyrik nennt. Ich bin also künftig für das Handgreifliche zuständig. War ich das nicht schon immer?
Herzlichst
Ihre
Silvia Saftschubse

In der Ösi-Redaktion. Ziemlich früh am Morgen. Ein Reporter von BILD vor Ort.
BILD: Sie sagen also, der Vorfall hätte sich im Badezimmer ereignet.
Herr Ösi: Yep!
BILD: Auf den weißen Fliesen?
Herr Ösi: So wahr ich hier stehe.
BILD: Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Nicht vor mir. Ich bin kein Richter. Ich urteile und verurteile nicht. Bin bloß Reporter. Gut, früher war ich Chefredakteur, DER Chefredakteur von BILD, müssen sie wissen. Das war früher. Vor dem Niedergang. Verstehen sie?
Herr Ösi: Verstehe.
BILD: Jetzt bin ich Reporter. Ein einfacher Reporter. Nicht mehr und nicht weniger. Ja, ja, so kann es einem ergehen, wenn es nicht gut geht. Uns geht es nicht gut. Das Blatt verkauft sich schlecht. Seit Jahren verkauft es sich schlecht. Um nicht zu sagen… es verkauft sich hundsmiserabel.
Herr Ösi: Hab davon gehört.
BILD: Am Journalismus selbst kann es nicht liegen. Da spielen wir nach wie vor in der ersten Liga. Wir messen uns mit den Besten.
Herr Ösi: Wirklich?
BILD: Was haben sie gedacht? Egal. Diese Degradation… Man hat mich abgesägt. Verstehen sie? Man hat mich eiskalt abgesägt. Vom Chefredakteur zum unbedeutenden Reporter heruntergeschraubt. Glauben sie mir, ich bin nicht gekommen, um zu jammern.
Herr Ösi: Davon gehe ich aus.
BILD: Auch nicht, um ihnen ein Abo aufzuschwatzen. Obwohl… nötig hätten wir’s schon.
Herr Ösi: Keine Angst. Ich abonniere nicht.
BILD: Schade. Zurück zur Arbeit. Sie sagen also, zwischen der dreiundzwanzigsten und der vierundzwanzigsten Fliese wäre es passiert. Ist es so?
Herr Ösi: Es könnte auch die fünfundzwanzigste gewesen sein können.
BILD: Wie jetzt? Können wir uns auf eine bestimmte Fliese einigen? Oder nicht?
Herr Ösi: Sagen wir, es war die fünfundzwanzigste.
BILD: Sicher? Es ist zwar nur ein Detail. Aber von immenser Wichtigkeit. Die Geschichte der Menschheit könnte von dieser scheinbar unbedeutenden Wichtigkeit abhängen. Zumindest für die Statistiker.
Herr Ösi: Notieren sie die fünfundzwanzigste.
BILD: Sie Schlawiner! Jetzt verraten sie mir, wie sie ihn haben erkennen können. Wie ich sehe, sind sie Brillenträger. So was kommt vor. Folglich folgere ich daraus eine gewisse Sehschwäche, die ich ihnen mal unterstelle.
Herr Ösi: In der Tat. Ich konnte ihn nicht sehen. Mit oder ohne Brille. Es wäre unmöglich gewesen.
BILD: So wie sie es sagen, ist es also reiner Zufall gewesen.
Herr Ösi: So könnte man es ausdrücken.
BILD: Und wie – wenn sie ihn aufgrund ihrer Sehschwäche nicht sehen konnten – wie wussten sie, dass…
Herr Ösi: Wie ich wusste, dass ich ihn erwischt hatte?
BILD: Ja.
Herr Ösi: Er hat gefiept. Er hat jämmerlich gefiept, als ich auf ihn trat. Es klang in etwa so…
Herr Ösi fiept.
BILD: Aufhören! Aufhören! Das klingt ja entsetzlich!
Herr Ösi: Wollen sie es noch einmal hören?
BILD: Nein. Danke. Das reicht.
Herr Ösi: Ich könnte…
BILD: Wenn sie noch ein Käffchen für mich hätten, wäre ich ihnen sehr dankbar.
Herr Ösi: Gern. Normalerweise bereitet ihn meine Assistentin zu. Aber…
BILD: Frau Saftschubse.
Herr Ösi: Sie kennen sie?
BILD: Klar. Eine geniale Dame. Ich erinnere mich gut, als wäre es gestern gewesen, wie mutig sie in das Opus 25 von Arnold Schönberg eingegriffen hat.
Herr Ösi: Hahaha! Mit der Kettensäge. Dem Pianisten, das Klavier mitten entzwei geschnitten. Ritsch! Ratsch! Mit der Kettensäge! Auf diese Idee müssen sie erst kommen.
BILD: imitiert eine Kettensäge Ra-ta-ta-ta! Ra-ta-ta-ta!
Herr Ösi: Eine Köstlichkeit. Eine Sternstunde in der Geschichte unserer Ösi-Redaktion. Ra-ta-ta-ta! Fast bin ich geneigt zu sagen: es war der Höhepunkt schlechthin.
BILD: Deshalb ist es doppelt schade, dass sie einfach hingeschmissen haben.
Herr Ösi: Sie kennen meinen Beweggrund.
BILD: An ihrer Stelle hätte ich vermutlich genauso gehandelt.
Herr Ösi: Das beruhigt mich zu hören.
BILD: Zurück zum Thema. Eins ist wohl klar. Um mich kurz zu fassen: Für mich sind sie ein Held. Der Held des Jahres. Die absolute Nummer 1. Lassen sie sich, wenn sie es gestatten, von mir umarmen. Die Menschheit kann aufatmen. Die Pandemie ist vorüber. Beendet. Vorbei. Die neue Normalität… ist… wieder die alte!
Herr Ösi: Ja, ist schon komisch. Der letzte verbliebene Virus befand sich ausgerechnet in meinem Badezimmer. Saß friedlich auf Fliese Nummer Dreiundzw…
BILD: Vorhin war es die Fünfundzwanzig.
Herr Ösi: Nehmen sie was sie wollen. Übrigens: sagt man der oder das Virus?
BILD: Wie soll ich das wissen? Ich war Chefredakteur! Da beschäftigen sie sich nicht mit Rechtschreibung. Ich nehme die Fünfundzwanzig. Andererseits…
Herr Ösi: Andererseits?
BILD: Andererseits könnte es ein Nachspiel für sie geben. Wenn alle Stricke reißen. Ein böses Nachspiel vor Gericht. Eine unliebsame Überraschung.
Herr Ösi: Ich kann ihnen nicht folgen.
BILD: Der gefährlichste Virus der Menschheit. Plattgemacht. Einfach so plattgemacht. Absichtlich oder unabsichtlich zertreten in einem Badezimmer. Auf Fliese Nummer Fünfundzwanzig. Es ist die Nachricht des Jahrtausends. Die wichtigste Nachricht der Menschheitsgeschichte. Aber vergessen sie eines nicht. Die bedeutendsten Labore der Welt könnten sie wegen der Ausrottung einer Spezies verklagen. Könnten versuchen, sie zur Rechenschaft zu ziehen. Wetten, die hätten nur zu gern den letzten Virus dieser Art behalten und ihn aufbewahrt. In einem Reagenzglas. Im Tresor. Oder sonst wo. Hermetisch abgeriegelt. Im Hochsicherheitstrakt. Um ein bisschen an ihm herumzufummeln. Herumzuexperimentieren. Herumzudoktern. Zwinkert. Wenn sie wissen, was ich meine.
Herr Ösi: Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
BILD: Eine Meute geldgieriger Anwälte steht bereit, äh könnte bereitstehen, Morgenluft witternd, dem Held des Jahres die Hölle heiß zu machen.
Herr Ösi: Malen sie bloß nicht den Teufel an die Wand!
BILD: Ganz zu schweigen von der noch geldgierigeren Pharma-Mafia, die nun irgendwie, sagen wir mal, in die Röhre guckt.
Herr Ösi: Denen Gates immer noch zu gut.
BILD: Tja, das war’s auch schon. Ich will sie nicht länger aufhalten. Danke für die Zeit, die sie für mich erübrigen konnten. Es war mir ein Vergnügen. Der Artikel erscheint noch diese Woche. Selbstverständlich auf dem Titelblatt. Ach ja, beinah hätte ich es vergessen. Reicht Herrn Ösi ein Formular. Wenn sie gütigst unterschreiben würden.
Herr Ösi: Was ist das?
BILD: Die Übertragungserklärung.
Herr Ösi: Übertragungserklärung?
BILD: Nun, für die Rechte an ihrem Video.
Herr Ösi: Video?
BILD: Sie haben doch die Szene nachgestellt, wie sie den Virus ins Jenseits befördern? Oder etwa nicht?
Herr Ösi: Ja, das hab ich.
BILD: Wie sie ihn, wehrlos am Boden liegend, kurzerhand zertreten.
Herr Ösi: Man sieht ja nichts. Er war unsichtbar.
BILD: Man hört aber ein Fiepen.
Herr Ösi: Man hört mein Fiepen.
BILD: Man hört ihr Fiepen, weil sie die Szene nachgestellt haben.
Herr Ösi: Sag ich doch. Ich bin es, der fiept.
BILD: Weil der Virus zu dem Zeitpunkt nicht mehr fiepen konnte.
Herr Ösi: Weil er längst hinüber war.
BILD: Über den Jordan.
Herr Ösi: Über was auch immer.
BILD: Das Fiepen ist entscheidend. Die Füße aber auch.
Herr Ösi: Danke.
BILD: Ich bewundere ihre Füße. Diese Schönheit. Diese zeitlose Eleganz. Phantastisch.
Herr Ösi: Mann! Kommen sie wieder herunter!
BILD: Nein, nein, ihre Füße sind erstklassig. Allein…
Herr Ösi: Worauf wollen sie hinaus?
BILD: Nun ja, es wäre ein Gewinn für alle. Sie verstehen?
Herr Ösi: Ich versteh gar nix.
BILD: Eine einmalige Win-Win-Situation.
Herr Ösi: Sie sprechen in Rätseln.
BILD: Sosehr ich sie und ihre Füße bewundere… berühmt sind sie nicht.
Herr Ösi: Wer? Ich oder meine Füße?
BILD: Sie beide.
Herr Ösi: Noch sind wir nicht berühmt. Das kann sich ändern.
BILD: Schauen sie mal. Kritzelt eine Zahl aufs Papier. Das könnten wir ihnen bieten.
Herr Ösi: Wow! Wofür denn?
BILD: Für die Rechte an ihrem Video. Sie treten es an uns ab.
Herr Ösi: Und dann?
BILD: WIR spielen die Szene nach. Mit Brad Pitt in der Hauptrolle. Fußfetischist Quentin Tarantino übernimmt den Dreh. Es wird sein zehnter, letzter und kürzester Streifen. Und sein erfolgreichster. Es wird der wichtigste und beste Film aller Zeiten. Garantiert!
Herr Ösi: Deshalb der englische Titel.
BILD: Ich sehe, sie verstehen. Hollywood wartet. Man scharrt bereits ungeduldig mit den Hufen. Sie stellen Frau Saftschubse wieder ein und kümmern sich fortan um die Ösi-Group. Finanziell werden sie bestens aufgestellt sein.
Herr Ösi: Okay. Okay. Aber der neue Editor…
BILD: Lassen sie einfach Frau Saftschubse machen. Sie wird es schon richten.

In freudiger Erwartung auf das Remake präsentieren wir dem geneigten Publikum heute schon mal das Original.

15 Gedanken zu “The bathroom incident

  1. Lieber Herr Ösi,
    wenn man eine Vespe tötet, fiept sie auch noch vor dem letzten Atemzug, um die Familienangehörigen zu rufen, die sich dann rächen.
    Hoffen wir mal, dass es wirklich der das letzte Virus war – sonst kommen jetzt noch mehr und stürzen sich auf uns!
    Gruß Heinrich

    Gefällt 2 Personen

    • Lieber Herr Heinrich,
      das hoffe ich auch. Die Militärs lassen sich nicht in die Karten gucken. Und von Herrn Snowden, der es könnte, habe ich lange nichts gehört. Auch die Natur spielt nicht immer mit offenen Karten. Wenn sie es tut, heißt es noch lange nicht, dass der Mensch daraus die richtigen Schlüsse zieht…
      Gruß
      Herr Ösi

      Gefällt 1 Person

    • Sehr geehrter Herr Dr. General-Anal Köttelwisch,
      als Hamster verkleidet ist es mir heute gelungen, 64 Paletten feinstes Kakle Toilettenpapier zu erstehen. Der Bestand, so rechnet mir die Pfui-Gack-App auf meinem Smartphone vor, reicht – meinen aktuellen Verbrauch berücksichtigend – bis Ende 2045. Das ist natürlich ein Beschiss! Gehen wir davon aus, dass ich durch reduzierte Köttelwischungen den Verbrauch um bis zu 25 % drücken kann, könnte das Klopapier bis in die 2050er Jahre hinein reichen. Das ist die gute Nachricht.
      Die schlechte ist, dass ich sämtliche Möbel verkaufen und eine zusätzliche Lagerfläche anmieten musste, um das Toilettenpapier zu beherbergen. Die wiederum gute Nachricht zur schlechten lautet: für Kakle Produkte gibt es bis dato kein Beherbergungsverbot.
      Die wiederum schlechte Nachricht zur schlechten lautet: der Kakle Ankauf hat mich in den Ruin getrieben. Dankbar nehme ich die angebotene Hauptrolle an… selbst wenn diese nur 2-lagig sein sollte. Das erlaubt mir immerhin, ein Kontakttagebuch zu führen, wie unlängst gefordert und den Durchschlag postwendend ans RKI weiterzuleiten… 😉
      Herr Doktor, ich habe die Ehre
      Herr Ösi

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  2. Na Gott sei Dank. Es tut sich hier ja doch noch was. 🙂

    Beeindruckend, die heldenhafte Tat. Niemals könnte ich etwas per pedes zerquatschen. Ich ekle mich schon, wenn ich mit dem längststieligen im Handel erhältlichen Kescher ein Insektmonster nach draußen befördern soll.

    Die Sache mit dem Virus allerdings … hm … müsste vielleicht noch ein bisserl geübt werden, der oder das flutschte offenbar irgendwie unter dem wohlgeformten Fuße durch und macht weiterhin Faxen …

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    • Danke. Ja, es geht weiter. Der Inhalt meiner Texte ist und war niemals entscheidend. Aber links und rechts vor allem bündig ausgerichtet sollen sie, bitteschön, schon sein. Wegen der Ästhetik. Frau Saftschubse hat das ganz gut hinbekommen…

      Seit ich keinen Whiskey mehr trinke, das ist eine halbe Ewigkeit, habe ich ein Glas als Spinnenglas umfunktioniert, in dem ich die Viecher fange und nach draußen bugsiere. Bloß der Franzi darf bleiben, weil er seinerseits Insekten jagt. Die Gelsen, sofern ich sie erwisch, haben Null Überlebenschance, so wie die mich im Sommer malträtieren.

      Es könnte durchaus sein, dass der eine oder andere Virus überlebt hat. Der versprochene BILD-Artikel ist zu meiner Überraschung immer noch nicht erschienen… 😉

      PS: der Franzi ist ein Weberknecht.

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  3. Aiso. Wann die BILD elitär wor, dann gherat ihr doch – die Journaille – KRONE, oder?
    Was, um Innerösterreich zu verlassen, das bodennahe Leben angeht, so befördere ich Spinnentiere, Käfer und andere Harmlosigkeiten meinen Mitbewohnern zuliebe (nebenbei: für Mäuse mußte ich extra Lebendfallen aufstellen!) so unbeschadet wie möglich nach draußen. Ich würde nämlich die Spinnen herinnen weiterhausen, -fangen, -speisen lassen. Aber in so ein stechendes, quergestreiftes Insekt bin ich letztes Jahr auch mal getappt, allerdings im Gras… immer wieder ein Erlebnis.

    Gefällt 1 Person

    • Es ist halt eine Viecherei mit den Viechern, die ungefragt ins Haus eindringen und dann noch Plätze beanspruchen, die sich der Hausherr selbst einmal erkämpfen musste…

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