Viecherl gerahmt, Teil 1

Die Streifzüge führen ihn, den Herrn Ösi, dessen Frau Doktor gebetsmühlenartig wiederholt „In die frische Luft, Sie müssen in die frische Luft, Herr Ösi, gehen Sie hinaus, die Bewegung in der Natur ist es, die Ihnen fehlt, nehmen Sie Ihren Rucksack, nehmen Sie Ihren Flachmann und gehen Sie in die Natur hinaus“ und also, Herr Ösi, gehorchend wie ein wohlerzogener Hund, dessen Rasse er vergessen, nimmt seinen Rucksack, nimmt seinen Flachmann… äh notgedrungen nicht, weil er keinen Flachmann besitzt und würde er einen Flachmann sein Eigen nennen, seine Befüllung würde ihm Kopfzerbrechen bereiten, denn, ein handelsüblicher Flachmann ist so flach, sein Inhalt so gering, er müsste klarerweise mit Hochprozentigem bis Höchstprozentigem, wenn nicht gar mit HöXXXtprozentigem gefüllt sein, die Flachheit des Flachmanns berücksichtigend, die mit seinem geringen Volumen einhergeht, dass es regelrecht sinnlos wäre, ihn, den Flachmann, mit Flüssigkeiten zu befüllen, die gemeinhin aus diversen Wasserhähnen zumeist kostenlos tropfen und am besten in großvolumige Behältnisse passen, die man draußen, erstmal erschöpft von der vielen Natur, mit ordentlich herzhaften Schlucken aus dem großvolumigen Behältnis, Plastikflasche traut er sich, in grauen Tagen wie diesen, nicht sagen, zu sich nimmt, statt ein zaghaftes Nippen an einem höchst unterdimensionierten Flachmann, dessen Inhalt, XXXL-prozentig und überaus gefährlich, dem wackeren Wanderer unverzüglich in die von der herbstlichen Natur vorgeschädigten Birne schießt, sein Gehirn vernebelt, verschleiert und ihn womöglich von seinen Streifzügen, die er im Begriffe ist abzuhalten, abhält.
Das Ordinationszimmer verlassend, die Hand auf der Türklinke, hat sie ihm nachgerufen „Nehmen Sie den Zug, Herr Ösi, setzen Sie sich in einen Zug hinein…“, wie es eine gewissenhafte und umweltbewusste Frau Doktor, die sie zweifellos ist, jedem Patienten empfiehlt, den Zug zu nehmen und nicht das Auto, wenn es darum geht, in die Natur hinaus zu gehen beziehungsweise hinaus zu fahren zwecks Bewegung, schon weil das Hinausfahren in die Natur naturgemäß mit einem Flachmann im Rucksack nicht die allerbeste Lösung ist, schon gar nicht, wenn man selbst hinterm Steuer sitzt, aber zu diesem Zeitpunkt konnte sie nicht wissen, im Gegensatz zum Leser, dass Herr Ösi keinen Flachmann besitzt, sich auch zu Weihnachten keinen wünscht, zu Ostern detto nicht und als er die Türklinke nach unten drückt, denkt er leicht vorwurfsvoll „Frau Doktor! Frau Doktor!“, sich wundernd, dass sie ihm einen Flachmannbesitz unterstellt, als wäre er ein dahergelaufenen Säufer, der mit roter Schnapsnase besoffen ins Ordinationszimmer wackelt, grübelt kurz, was sie wohl über ihn denkt und sagt von dankenden und verabschiedenden Floskeln begleitet „In den Zug hinein, ich setze mich in den Zug hinein…“, schließt die Tür sorgsam hinter sich, tief durchatmend und verwirft auf der Stelle noch im Hinausgehen die Empfehlung, mit dem Zug zu reisen, zumal er ja keinen Flachmann besitzt und sich fragt, ob das Besteigen von Zügen ohne Flachmänner überhaupt gestattet ist.

Auf dem Nachhauseweg, zu Fuß selbstverständlich, denkt Herr Ösi, wie die ersten beiden Sätze wohl in Form zu bringen wären, ist sich gewiss, einmal vor dem Computer sitzend, das eben Gedachte nicht so niederschreiben zu können, wie er es sich, jetzt noch im Gehen, wünscht, in klaren und verständlichen Sätzen, dass später beim Tippen der Worte in die Maschine, seine Befürchtung eintreffen könnte, der Text würde mit dem Aufschließen der Haustür verfliegen, so, als wäre er ihm nie erschienen, ffffffft, einfach weg, er stünde da ohne Text, bloß der Titel „Viecherl gerahmt“ bliebe mutterseelenalleine im Raum, was nach dem fiktiven Lesen der ersten beiden Sätze, vorausgesetzt, er würde sie einigermaßen hinbekommen, nicht nur verwirrend, sondern regelrecht deppert klingen würde, man müsste davon ausgehen, die Geschichte wäre zu Ende, noch ehe sie begonnen, was freilich ein Unding… und selbst die Überlegung, den Titel „Viecherl gerahmt“ meinetwegen in „Viecherl gerammt“ umzubenennen, was zwar ein Leichtes wäre, dem Ganzen einen gewissen machohaften Stempel aufzudrücken, würde eher zur Verwirrung des Lesers als zur irgendeiner Aufklärung beitragen, abgesehen davon, dass erstmal ein Viecherl gerammt werden müsste anstatt gerahmt, was Herr Ösi, die Rahmenbedingungen der Rahmenhandlung klar vor dem geistigen Auge, nicht verantworten kann und so plant er, warum nicht, kurzerhand eine Fortsetzung.

23 Gedanken zu “Viecherl gerahmt, Teil 1

  1. Eh klar. Da bin ich mal zeitnah vor Ort, und dann fehlt das gerahmte Viecherl. Nix gegen den Text, der ist wie immer vorzüglich und auf die Folter spannend, womit ich auf den Punkt komme, enttäuscht bin ich, wie schon bei Zweiteilern im TV, von denen ich genau deshalb nie den ersten Teil schaue, weil ich den zweiten partout nicht derwarten kann, denn Jessie alias Madame Ungeduld überlässt die Vorfreude lieber den anderen, Erfahrung sei Dank, und eigentlich hätte ich es wissen müssen. Also. Wann bitteschön, wann genau wird geliefert? Das Viecherl??? Meinetwegen auch ohne Rahmen …

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    • Das Viecherl MUSS mit Rahmen geliefert werden, sonst wär‘ es ja Beschiss…
      Die Geschichte ist als 3-Teiler geplant, heißt, den nächsten Teil darfst du schwänzen, vorausgesetzt du bist beim großen Finale wieder dabei… 😉
      Natürlich würde es mich freuen, dich bei Teil 2 wieder begrüßen zu dürfen.

      (Gerade die Vorweihnachtszeit ist prädestiniert dafür, sich in Geduld zu üben…)

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  2. des Viecherl kannt a bunta Hund sei (Rasselos, vielfarbig und -gemischt). Angeleint und losmarschiert. Und ja, eine große Plastikwasserflasche ist anlaßbezogen dem arg flachen Mann vorzuziehen, wobei mal wieder kurz zu überlegen sein wird, wieso der Flachmann Flachmann heißt, ob er den Watzmann kennt usw.
    Aber in den Zug stellen oder sich setzen, sich dem Zug aussetzen? Nein, begangen will die Welt sein, immer im Zug hin- und hergehen, bis man sich eine Erkältung oder einen noch gemeineren Virus angelacht hat, und wenn es noch so ein netter Reisegenoß wär, nein, Frau Doktor, davon raten wir derzeit und auch sonst dringend ab.
    Also einfach loslaufen, mit dem bunten Hund an der Leine, immer drauflos bis zur Fortsetzung!

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    • Womöglich war es einst ein Fachmann, dem seine acht Buchstaben nicht mehr ausreichten… er zur Tat schritt… und einen Flachmann aus dem Zylinder zauberte.
      Ob die Zugfahrt tatsächlich stattfindet ist fraglich… indes eine Überraschung… garantiert… 😉

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  3. Also hättest du am Ende nicht noch auf den Titel hingewiesen, dann wäre er mir gar nicht aufgefallen. Das sollte ich so jetzt nicht hinaus posaunen, weil der Titel einen Text ja wunderbar unterstreicht, neugierig machen soll und sich der Autor etwas dabei gedacht hat und ich Ignorant das wertschätzen sollte. Ich versuche es also etwas positiver auszudrücken, wenn der Autor Herr Ösi ist, dann bin ich so gespannt dass ich auf den Titel gar nicht schaue. Jetzt wo ich ihn aber weiß, bin ich gespannt wie der zweite Teil zum ersten Teil passen wird. 😉

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  4. Ösi, wenn ich dich nicht schon eine Weile „kennen“ würde, könnte ich denken, du hättest den Inhalt von 3 Flachmännern intus, als du diesen Text schriebst.
    Schade, dass du dir keinen zu Weihnachten wünschst, ich könnte dir sonst meine verflossenen Liebhaber anbieten, die zum Teil – zumindest einer – auch Flachmänner waren, aber das natürlich übersinnlich gemeint, nicht so flach alkoholisch.
    Und tschüss!

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  5. Ausgezeichnet! „Der Junge macht einfach nichts aus sich!“, hätte Tante Paula gesagt, wenn es sie gegeben hätte (auch hier sagt das wieder der Richtige, aber auch hier gilt: eben drum, boah ejh!)

    Wieder einmal ein echtes ösilogisches Kabinettstückchen allerfeinster Güte; so wünscht man sich das doch (Männer sagen häufig „man“, wenn sie eigentlich „ich“ sagen sollten, Frauen aber auch, hähähä), wenn man des Morgens ins Internet geht, oder so ähnlich: leichtes konvulsivisches Zucken von Mundwinkeln und Zwerchfell hebt an, gemeinhin „Kichern“ genannt; was da sonst an Informationen heran und herein kommt, ist bekanntlich derart beschaffen, dass man sich gleich wieder auf sein lumpenproletarisches Lotterlager werfen möchte, nicht wahr… „Sie nannten ihn Omik-Ron!“ usw. (dieses Mal wirkt die Impfung neben; entweder fällt mir der Arm ab oder es wächst ein dritter oder beides, aber das am Rande; ich rede so selten über mich und wollte wieder einmal).

    Zum Beispiel: „erschöpft von der vielen Natur“ hat mich beinahe laut lachen lassen; nur „beinahe“, was sollen denn die Leute denken, und erst die Leutinnen, hüstel

    Was mich aber aufhorchen machte, oder auflesen, ha, war diese Anmerkung, sinngemäß, über das Entstehen von Texten in der mentalen CPU, von denen man, zu „man“ siehe eben oben, befürchtet, dass sie „weg“ wären, wenn man denn das rettende Ufer des wartenden Schreibtisches noch in zerebraler Atemnot erreichen würde (meine Güte, wie poetisch, winkt ein Bachmannpreis?); nicht nur, dass ich das kenne, und mit Sicherheit nicht nur ich, jedoch immerhin nicht mit Staatssicherheit, ich bin mir vielmehr auch sicher, dass das ein gutes Zeichen ist, denn es handelt sich beim hier wirkendem Mechanismus mentaler Betriebswirtschaft wohl um den je nach Standpunkt des Betrachters berühmten oder berüchtigten motus animi continnus, von dem Thomas Mann geschrieben hat, dass Gustav von Aschenbach daran gedacht, dass Cicero dergestalt davon gesprochen hätte, dass es sich dabei um das Wesen der Beredsamkeit handeln würde, wobei ich mich beeile hinzuzufügen, dass mir klar ist, dass nach neuesten Erkenntnissen dieser Gedanke gar nicht von Thomas Mann ist, was das zappelnde Spießerchen in mir wieder angenehm erregt, weil es zeigt, dass auch Genies einmal daneben hauen, um es wieder einmal standesgemäß prollig-polternd dynamisch zu formulieren, tandaradei!

    Fahren Sie bitte fort, werter Herr… äh… – im übertragenem Sinne, versteht sich!

    Mit ausgezeichneter Zerknirschung

    Herr Koske

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    • Lieber Herr Koske,

      ich bedanke mich auf das Artigste!

      Das Dumme ist, dass mir ein Text, wenn überhaupt, erst beim Niederschreiben einfällt, was seine Holprigkeit erklärt, als würde er unentwegt über Stock und Stein und Baumwurzeln stolpern…

      Dieser Herrn Cicero hatte den Vorteil, sein Latein mit der Muttermilch zu bekommen, das Latein war da quasi schon drinnen, während der Ösi gerade in diesem Fach durchgerasselt ist, obwohl er das Lateinische nur ins Ösische hinüberzusetzen hatte. Leider war er mit seinem Latein schnell am Ende… 😉

      motus animi continnus habe ich aus dem Stegreif mit „andauernde Feindbewegungen“ übersetzt. Nicht schlecht, wie ich finde, aber auch nicht ganz richtig.

      contritio est omnino mea (klarerweise gegoogelt)
      Herr Ösi

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