Viecherl gerahmt, Teil 3

Meist sind es Mauern, an denen er, der Künstler, wir nennen ihn, der Einfachheit halber, den Graffiteur, zeigt, wozu er imstande ist, mit all seinen bunten, glitzernden Spraydosen, seinem Genie, seiner oder nur DER KUNST, freien Lauf zu lassen, ob man ihn lässt oder nicht, nur selten sind es Autos, Busse oder Schiffe, die seinem Tatendrang zum Opfer fallen, und da Mauern, genauso wie Autos, Busse oder Schiffe einen Besitzer haben, der zur Stunde des nachtaktiven Graffiteurs bereits friedlich in den Federn schlummert, bekommt der künftige Besitzer eines wertvollen Graffitis erst am Morgen mit, welche Ehre ihm nächtens zuteil wurde, und anstatt in große Freude auszubrechen, Jubeltänze aufzuführen, ob dieser wundervollen Hinterlassenschaft, wird eins zwei drei, nein, eins eins null, die Polizei gerufen, zwecks Anzeige, umständlich aufwendiger Papierkram inklusive, die Polizei klingelt, wenn sie herbeigerufen, forscher, intensiver, beharrlicher als Nachbarn, Hausierer, Scherenschleifer und Mitarbeiter der Telekom, stets auf Kundenfang bedacht, es tun, sagt Herr Ösi, offenen Mundes staunend vor einem dieser Graffitis stehend, die sich bewundern, betatschen, ja, sogar fotografieren, aber nur schwerlich mitnehmen lassen, um sie daheim in die eigenen vier Wände zu integrieren, zu schade… zwar ließe sich, mit Privatleuten immer, er betont dieses immer, immer über eine Übernahme, nicht nur des Graffitis, sondern über die Übernahme der gesamten Liegenschaft diskutieren, den geforderten Kontostand freilich flux verfügbar… was bei öffentlichen Objekten, wie Autobahn- und Eisenbahnbrücken oder gar Tunnels, zwangsläufig auf die tauben Ohren einer starrköpfigen Beamtenschaft stößt, sofern man nicht über die nötigen Beziehungen verfügt, der Zustand des Bankkontos ist hierbei ohne Bedeutung, weiß er zu berichten… nur eins ist sicher wie das Amen im Gebet, die Welt splittet sich auf in zwei Kategorien: die erste, in die der Graffiteure und die zweite, in die der Profiteure… letztere sind Menschen wie die geneigten Leser des Ösiblogs, welche imstande sind, liebevoll zubereitete Graffitis kostenlos und frei von schädlichen Nebenwirkungen zu genießen…

Einheimische Graffittis / Fotos: Herr Ösi / Herbst 2021

Die Schwierigkeit ist, eine geeignete, weiße, noch jungfräuliche Außenfläche, sprich Mauer, zu finden, die noch nicht beschmiert die weder Freunden noch Bekannten gehört, wer möchte es sich schon wegen einer Kleinigkeit, wegen einer harmlosen Schmiererei, mit ihnen verscherzen? jawohl, niemand, ruhig gelegen, leicht erreichbar und doch zentrumsnah soll sie sein, an denen tagsüber Hundertschaften von Hausfrauen und oder Werktätige vorüberziehn, begierig, tief in die graffitale Kunst origineller Wandmalereien einzutauchen, wie beispielsweise Herr Ösi, von seiner Frau Doktor zu Bewegung in der Natur, an die frische Luft, hinausverdonnert, steht er, nach tagelangem, quasi sinnlosem Herumschweifen auf öden Feldern und dunklen, angrenzenden Wäldern, wo Fuchs und Henne gute Nacht sich sagen (kein Mensch hält auf Dauer diese Natur unbeschadet aus ohne überzuschnappen), steht er, der Herr Ösi, kaum in die Stadt zurückgekehrt, tief durchatmend, die abgasgeschwängerte Luft einsaugend, plötzlich vor dem Objekt seiner Begierde, einer noch tadellos weißen Mauer, die seine Aufmerksamkeit erregt, er kann sein Glück kaum fassen, untersucht das Gemäuer fachgerecht, streicht liebevoll über das makellose Weiß, nicht ahnend, dass eine alte, bösartig dreinblickende Zumsel, mit abscheulichen Lockenwickler in noch abscheulicheren Haaren, ihn oben, vom Fenster aus, seit einer geraumen Zeit, seit einer guten Viertelstunde misstrauisch beobachtet, wie er seinerseits die Mauer ausgiebig beobachtet und inspiziert.

Die Dunkelheit hereingebrochen, die Spraydosen, ein halbes Dutzend an der Zahl, sorgfältig aufgereiht, die ersten Versuche, Deckel ab, gut durchgeschüttelt, die Dose auf das Ziel gerichtet, Sprühknopf betätigt, fffffft, okay, absolviert… bricht er, bei Nacht und Nebel, lautlos das Haus verlassend, auf, zuerst verwirrt herum irrend, dann, plötzlich, zielgerichtet und wie magisch angezogen, ferngesteuert, einer willenlosen Marionette gleich, zieht sie ihn an, von weitem, die Mauer, seine Mauer, ruft ihn, lockt ihn wie ein lüstern‘ Weib nur locken kann, meine Mauer, meine Mauer, brabbelt er vor sich hin, sabbert ein wenig, er befindet sich in ihrem Bann, meine Mauer, meine Mauer, im Bann der Mauer, zweifellos. Männer, junge wie alte, befinden sich oft im Bann irgendwelcher Frauen, meist zauberhaft elfenartiger Wesen, zarte, durch die Lüfte schwebende Geschöpfe, anmutig anzusehen und stets durchsichtig bekleidet, im Negligée flattern die Schönen von Baumwipfel zu Baumwip…
Oops! Da steht sie aus dem Nichts vor ihm, die Angebetete, seine Angebetete, weiß und unbefleckt. Mit einer schwungvollen Verbeugung, wie nur edle Ritter sie beherrschen, kniet er nieder, Tataa!, lüftet einen imaginären Hut, federgeschmückt, versteht sich, ihr Referenz erweisend, wartet, wartet auf ein Wort von ihr, nur ein einziges Wort, bittebitte… vergeblich… gibt ihr, großzügig wie er nun mal ist, eine zweite Chance… sie schweigt… erneut beharrlich wie nur eine Mauer schweigt. Er erhebt sich, murmelt was in seinen Bart, der ihm vor Monaten abhanden kam (die nicht jugendfreie Übersetzung ersparen wir den Lesern), ergreift eine Spraydose und wiederholt das zu Hause sorgsam eingeübte Prozedere. Der Strahl schießt aus der Dose und entjungfert, fffffft, die überrascht wirkende von einer Laterne zaghaft angestrahlte Mauer. Er stockt. Wäre es nicht ratsam, sich vor Beginn der Sprayarbeit zu überlegen, was er denn da an eigentlich die Wand zu werfen gedenkt: einen Baum? einen Hund? ein Haus? – Egal, irgendwas wird es schon werden, denkt er zuversichtlich, und sein innerer Schweinehund, der es sich nicht hat nehmen lassen, ihn zu begleiten, assistiert ihm schwanzwedelnd und freudig erregt… äh sogleich, reicht ihm mal diese, mal jene Spraydose, und so schreitet das Kunstwerk zügig voran… Ein Hundebaumhaus? Iphigenie auf Tauris? Ein Hundehaufen? – Egal!
Dann… das Unerklärbare, das Unvermeidbare, das unerklärbar Unvermeidbare… sein innerer Schweinehund, reißt mit einem Mal die Spraydosen an sich und galoppiert, wie von einer Tarantel gestochen, von Dannen. „Hey, was soll das?“, ruft er ihm, dem inneren Schweinehund, jetzt zum üblen Sauhund mutiert, hinterher, den das Dunkel der Nacht bereits nach wenigen Metern verschlingt. Drei, vier, vielleicht fünf Sekunden später, Hundegebell, Stimmen, beides rasch anschwellend, lauter werdend, und schon schießen zwei Hunde, die er sofort als Bluthunde identifiziert, um die Ecke und mit Karacho auf ihn zu. Ihm stockt der Atem, sein Puls, schätzungsweise jenseits der 200, weiterhin ansteigend, ohne jeglichen Drehzahlbegrenzer, dennoch… geistesgegenwärtig genug, unverzüglich das Weite zu suchen, rennt er los, so schnell er kann, rennt um sein Leben, atemlos, hechelnd. Wäre er bloß jünger, fitter, hätte er das Joggen nicht vor Jahren eingestellt, dafür aber die täglichen Süßigkeiten, das Rauchen und und und (es hätte ihm nichts genützt), er blickt zurück, zwei Herren in Klamotten, wie üblicherweise nur Polizisten sie tragen, Halt! und Stop! und Stehenbleiben! rufend, weisen eine Laufgeschwindigkeit auf, die deutlich über der seinen liegt, die Hunde bellend, die Herren schreiend, die Lichter in den umliegenden Häusern angehend, er davonlaufend…
Wäre er zu Hause geblieben (wäre, wäre Fahrradkette), er hätte im Internet, auf Wikipedia oder wo auch immer nachlesen können, dass der Bluthund, obwohl ein Jagdhund, ein sanftmütiger, ruhiger und freundlicher Geselle ist, also, grüner Bereich, bei Bedarf jedoch zu Eigensinn neigt und, mit hervorragenden Spürsinn ausgestattet, imstande ist, kapitale Hirsche zu jagen und diese zu erlegen, also, deutlich roter, wenn nicht dunkelroter Bereich.
Es gibt Momente im Leben, in denen ist es völlig Wurscht, ob du Internet hast oder nicht… zum Beispiel, wenn zwei ausgewachsene Bluthunde dir an den Fersen kleben, dicht hinter dir und ready for take off zum Sprung ansetzen… nun ist Bluthund Nummer 1 in der Luft, gefolgt von Nummer 2, die Superzeitlupe ist während des gesamten Bluthund-Fluges angesagt, der Autor tippt aus Rücksicht auf seine Leser langsamer in die Tasten hinein als üblich, dadurch die Superzeitlupe erzeugend, die Leser werden gebeten, aus Sicherheitsgründen während des Fluges angeschnallt zu bleiben, die Saftschubsen haben das Verteilen von Speis und Trank eingestellt, der erste Bluthund, mittlerweile die optimale Reiseflughöhe erreicht, setzt an zum Wiedereintritt in die Erdatmosphäre hat den Scheitelpunkt erreicht, an dem es, z’erst auffi, dann abbi, wie der gebirgserprobte Wanderer zu sagen pflegt, wieder abwärts geht, landet punktgenau auf seinen Vorderpfoten, schnappt, nach erfolgreicher Landung und Schubumkehr nach dem Davoneilenden, verfehlt ihn aber so was von knapp – leider oder Gottseidank – je nachdem, auf wessen Seite man steht, verfehlt jedoch nicht die Hose, verbeißt sich in ihr, die mit lautem Ritsch-Ratsch zerreißt, der nun nicht mehr Davoneilende im Sturz, die Arme hilflos paddelnd in der Luft, herum fuchtelnd, als wollte er imaginäre Fliegen fangen oder verjagen, wie Fallende stets im Fallen, no na, Paddeln beziehungsweise herum fuchteln wie Verrückte – Psychologen könnten erklären, warum sie das tun, ich nicht – während sein Körper, also, der des Fallenden, der Schwerkraft folgend, immer noch paddelnd zu Boden kracht.
Wrawumm!!!
Danach Stille. Völlige Finsternis. Aus. Et cetera.

21 Gedanken zu “Viecherl gerahmt, Teil 3

  1. Vom ersten Satz an, als du anfingst, Mauern verzieren oder verunzieren zu wollen, habe ich dir gewünscht, dass es nur ein Traum ist, gut, allerdings fast ein Alptraum.
    Ich habe dir mal eine Graffitivorlage mitgebracht – warum die in lila ist, weiß ich auch nicht – du kannst ja andere Sprühdosen nehmen!
    Gruß zu dir

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    • Liebe Clara,
      danke für die Vorlage. Ich hatte ein einziges Mal eine Spraydose in der Hand, als es darum ging, rostende Türen zu verschönern. Wenig später habe ich den Wagen mit großem Abschlag verkauft.
      Nicht nur mein handwerkliches Geschick lässt zu Wünschen übrig… 😉
      Der untalentierte Ösi

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  2. Lieber Herr Ösi,
    eine spannende Geschichte mit einem Klippenhänger. (An den Klippen ist sicher auch noch Freiraum für diese Kunst?!?)
    Da bin ich gespannt, wie es weiter geht? Ich hoffe, die Bluthunde haben sich bei der Landung nicht weh getan!
    Allerdings warnt mich diese Geschichte auch! Ich werde bei meinen Graffiti-Ausflügen etwas vorsichtiger sein. 😉
    Gruß Heinrich

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    • Lieber Herr Heinrich,
      eigentlich sollte ich mich von den Klippen fernhalten. Die Absturzgefahr ist eine nicht unerhebliche.
      Den Bluthunden geht es ausgezeichnet, wie immer nach der Fütterung… bloß ich überlege, welche Klippen wie zu umschiffen wären, diese Geschichte doch noch in ein glückliches Ende hineinzuführen.
      Lassen Sie sich beim Graffitieren bloß nicht erwischen… 😉
      Gruß
      Herr Ösi

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  3. Spontan empfehle ich als Ergänzungslektüre Donna Leon, „Blitz“ (… „Den würd ich an ihrer Stelle nicht anfassen, M’am.“), wobei es sich allerdings um einen belgischen Schäferhund handelt. Nicht um einen reichlich harmlosen Boodhound.
    Ja, Graffiti kann richtige und nicht zuletzt im Wortsinne große Kunst sein. Allerdings greifen dann oft Kleinkünstler ohne die nötige Begabung ein und verzieren das bereits fertige Kunstwerk mit Zutaten, Penissen, halben Anmachsprüchen und Beleidigungen sowie ergänzenden Kackhäufchen, achten dabei oft nicht einmal auf die Farbwahl. Das ist schade!
    Und übergriffige Hunde erlebt man draußen in der freieren Unnatur auch kaum. Warum sollte das ein halbwegs ausgelasteter Hund auch tun? Freilich, der letzte Schäferhund, der meinte, er müßte mich, fahrradelnd, in den Hintern zwicken… ach, er lebt eh nicht mehr, aber damit hab ich, ehrlich, nichts zu tun!

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    • Schäferhunde sind, das geb ich zu, die einzigen Viecher, vor denen ich richtigen Schiss habe, belgisch, englisch, italienisch, ganz egal. Nicht die kleinen jungen, sondern die großen alten, die schwarz gefärbten, die meine Angst erahnen und sich aufführen, als wären sie die Masters of the Universe.
      Gebissen hat mich bislang keiner… wär ja noch schöner…
      Bei Graffitis stellt man sich oft die Frage, welche Herrschaften bei der Entstehung des Kunstwerks mitgewirkt haben, während beim Bildnis der Mona Lisa eh alles klar sein dürfte… 😉

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    • Ja, vielleicht kümmern sich zahlreiche Professoren der Kunstbetrachtung deshalb lieber um Mona und rätseln alles Mögliche in sie hinein? –
      Ich stimme übrigens zu. Schäferhunde, also diese grundsätzlich gut abführbaren Hütehunde, waren bisher die einzigen, die mich oder meine eigenen Hunde bös gebissen haben – das liegt nicht an den Tieren allein, sondern, wie immer, vorrangig an den Haltern. DIe ihre waffenscheinfreie Drohung vor sich herführen.

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  4. Wer nicht als illegaler Sprayer im Knast landen will, kann auch einfach bei der Stadtverwaltung nachfragen, ob Stromkästen besprüht werden dürfen. Die grauen Kästen eignen sich prima als Kunstobjekt und dürfen meist als kreative Fläche genutzt werden. Nur auf den Schlag muss man aufpassen, sonst heißt es wirklich: Danach Stille. Völlige Finsternis. Aus. Et cetera. 🙂

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    • Hier kann man das Thema gar nicht verfehlen, weil der Ösiblog generell themenunverfehlbar äh ist…
      Zünde er mit Elan das vierte Kerzerl an. Aber Achtung, keine Zimmerbrände bitte… die Feuerwehristen reagieren da sehr allergisch drauf…

      Auf geht’s! Jetzt werden Weihnachtslieder einstudiert 😲

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    • Der Graffiteur, er ist kein Dieb
      er schuf was, das ewig blieb
      oder bis der Putz mal bröckelt
      er zur Mauer nochmal stöckelt
      die Spraydose von neuem zückt
      und sprüht und sprüht, es ist verrückt… 😉

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  5. Nach intensivem Studium der dargestellten Suchbilder hab ich das Viecherl noch immer nicht gefunden … womöglich mangelt es mir an der entsprechenden Phantasie, und das sage ich jetzt nur, um eventuellen Ausreden deinerseits vorzugreifen … aber im Grunde genommen isses fast schlimmer als damals beim Warten aufs Christkind. Viecherl haben will. Jetzt. Sofort. Rufzeichen. Ansonsten auch an dieser Stelle fröhliche Weihnachten etc. 🙂

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    • Liebe Jessie,
      es ist alles in Ordnung. Das Viecherl braucht noch a bisserl, ehe es erscheint. Es bittet inbrünstig um etwas Geduld.

      In der Zwischenzeit wünsche ich Dir (sowie allen geneigten Leser des Ösiblogs)

      FROHE UND BESINNLICHE WEIHNACHTEN

      🎄 🎅 💫 🥂

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