Viecherl gerahmt, Teil 4


Herr Ösi erwacht mit Rückenschmerzen, aber nicht wie einer, der seit Jahren Rücken hat, nicht wie einer, der mit dem Schmerz vertraut ist, mit ihm auf Du und Du steht, gute Kumpel sozusagen, wo der eine nicht ohne den anderen kann, nein, er erwacht wie einer, dem man eine mittelalterliche Streckbank zuteil werden ließ, über Nacht, zwecks „Wahrheitsfindung“, darauf bedacht, ein Geständnis aus ihm rauszupressen, rauszuquetschen, weil kaum etwas besser dazu geeignet ist als die Streckbank, einem Delinquent die Beichte abzunehmen, die ihm ohne vorangegangene Folter niemals eingefallen und über die Lippen gekommen wäre. Allerlei obskure Straftaten, weltweit begangen seit seiner Geburt und selbst die Untaten davor, nimmt er stoisch auf sich, gibt sie unumwunden zu, wie Bauernfängerei, Identitätsklau, Kunstfälschung, Vielweiberei, kurz: all die schrecklichen Dinge, die Menschen anderen Menschen antun, wenn der Tag 24 Stunden lang, nimmt er, nimmt der moderne Mensch auf sich, lässt Geständnisse aufs Eloquenteste sprudeln, sobald die Streckbank, die Fürchterliche, nach dem letzten Einsatz notdürftig gereinigt, mit dem Gespickten Hasen garniert, der nächsten „Wahrheitsfindung“ zur Verfügung steht. Der Gespickte Hase (lat. lepus spicatas oder ähnlich) ist im Zusammenhang mit der Streckbank nicht die kulinarische Köstlichkeit, die gutbürgerliche Bürger an Feiertagen zu goutieren wissen, sondern versteht sich als ein Zusatzfeature scharfrichterlicher Folterkunst, rauszufinden, wo der Hase im Pfeffer liegt, indem man den Rücken des zu Folternden zusätzlich zur Streckbank mit einer stacheligen Rolle traktiert, als würde die einfache Behandlung ohne den Hasen nicht ausreichen. Alle Knochen schmerzen, besonders die, von denen er bis dato nicht wusste, sie überhaupt zu haben, als am Morgen, pünktlich Schlag 6, eine Sirene Marke Weltuntergang aufheult, von jener penetranten Schrille, bestens geeignet, einen ebensolchen einzuläuten… und schon ist der geneigte Leser dem Herrn Ösi zwei Informationen voraus. Erstens: die Uhrzeit. Zweitens: habe ich vergessen, hat aber mit dem bevorstehenden Weltuntergang nur bedingt zu tun.
„Bitte recht freundlich“, sagt eine Stimme gefolgt von „Ameisenscheiße“ anstatt „Ameisenkacke“, ein Amateur von Gefängniswärter, fotografiert mit dem Handy und ignoriert, dass bei der spitzmausmäßigen gesprochenen „Ameisenscheiße“ der Mund weit weniger fotogen wirkt als bei der harmonisch rund formulierten „Ameisenkacke“, und dennoch… Band III seiner Bildbandreihe „Strizzi & Schlawiner – Die größten Verbrecher des Landes“, erschienen im gut sortierten Buchhandel nahe legt, er würde wissen, was er tut. „Ahh!“ Geblendet vom grellen Blitzlicht, die Hand schützend vor das Gesicht, weicht der Fotografierte taumelnd von den Gitterstäben zurück. Vielleicht soll er in unvorteilhafter Pose in den nächsten Bildband hinein, dämmert ihm.
Stunden, Tage, meinetwegen Wochen mögen vergangen sein, da schneit ein Herr in schickem Zwirn – ein Zivilist – in seine Zelle, „I bin’s, dei Präsident“ donnernd, ein ihm bekanntes Sprüchlein, allein, wann und wo gehört, mag er sich nicht entsinnen, weil im Moment, angesichts seiner unrosigen Lage, eh eher zweitrangig. Als sein Polizeipräsident stellt der Fremde sich ihm vor, der Gefangene schlägt sich erinnernd an die Stirn, stammelt „Der Sohn?“ und erntet ein „Urenkel, hahaha, Urenkel“, wie klein sie doch ist, diese Welt, in welche Urenkel wie selbstverständlich in die Fußstapfen großer Vorbilder hineingestellt werden. „52er“, sagt der Präsident, deutet auf seine Schuhe, waffenscheinpflichtige Treter, einen leichten Tritt andeutend, als würde er fühlen, Herr Ösi, der die blitzblanken Schuhe bewundert, wisse, welche Schuhgröße sein legendärer Urgroßvater getragen. „Für die 52er, einen Tick zu klein“, sagt der Präsident schulterzuckend, beobachtet sein Gegenüber wie nur Polizeipräsidenten in der Lage sind, ihr Gegenüber zu beobachten. In der Position, in der er sich heute befindet, wären selbst 59er oder größer gerechtfertigt, doch die selbst auferlegte Bescheidenheit, das Understatement, verbietet seit den Napoleonischen Kriegen seiner Familie jede Form von Überheblichkeit. „Aber nicht doch, Herr Präsident, keineswegs“, schmeichelt der Ösi, eine unappetitliche Schleimspur einer Schnecke gleich, hinter sich her ziehend, jetzt in seinem Element. Er könne noch tagelang über Schuhe, seinem Steckenpferd, philosophieren, so der edel Gezwirnte, doch käme er in ganz anderer Mission. Herr Ösi, nie verlegen, wenn es darum geht, fremde Kochkünste durch den Kakao, den er als Gaugau ausspricht, zu ziehen, meckert, ohne den anderen näher auf seine Mission eingehen zu lassen, über die unglaublich miserable Gefängnisküche, wobei das Wort „unappetitlich“ neun Mal seinen Mund verlässt, das Wort „Frechheit“, nicht mehr zählbar. Es dadat ihm leid, sagt der Angesprochene, er hatte noch nie das Vergnügen, sein Mahl hier vor Ort einzunehmen, selbst die Polizeipräsidentenkantine wäre nicht das Gelbe vom Ei, es grause ihm oft vor ihr, von den Kochkünsten seiner Präsidenten-Gattin ganz zu schweigen, weshalb er sein Amt gewissenhaft nützt, der häuslichen Küche, wann immer sich Gelegenheit bietet, zu entfliehen. Diese Ehrlichkeit, denkt Herr Ösi, diese Ehrlichkeit… schaut noch lange durch die Gitterstäbe als sein Besucher längst verschwunden. Ein netter Kerl. Ob er wiederkommt?

Er kommt wieder und Herr Ösi, seine Nase immer noch an die stählernen Stäbe gedrückt, wirkt und winkt freudig. Beinah hätte er die Klinke gedrückt, seinen Präsidenten einzulassen, wäre sie nicht auf der anderen Seite der Tür gewesen, ein spontanes Verlassen der Zelle zu verhindern. Die Frage, was ihn zu ihm führt, lässt der Gezwirnte unbeantwortet, die Frage, wann sie sich das letzten Mal gesehen hätten, beantwortet er mit „vor zehn Minuten“. Nur auf der Streckbank und unter Zuhilfenahme mehrerer Gespickter Hasen hätte der hohe Beamte seine extreme Vergesslichkeit, möglicherweise Anzeichen von Demenz, zugegeben, er wollte eben das Gefängnis verlassen, als sie ihm einfällt, die Mission, weswegen er eigentlich gekommen und macht kehrt. „Sie sind frei. Sie können gehen. Frei, wie ein Vogel. Gehen Sie, Herr Ösi, gehen Sie in die Freiheit hinaus und genießen Sie den Tag.“ Der Gefangene, mit fortschreitendem Alter zu Starrköpfigkeit neigend, gegen alles und jedes ohne nachzudenken zu protestieren, einfach des Protestes wegen, verkneift sich im letzten Moment die aufkommende Weigerung und fragt stattdessen: „Ja, aber… warum?“ Seine Dickschädeligkeit, allseits bekannt und gefürchtet, allenfalls von einem störrischen Maultier zu toppen, soll hier nicht zum Gegenstand näherer Betrachtung werden. Der Polizeipräsident räuspert sich lang und laut. Sein Gegenüber detto. Wenn zwei erwachsene Männer sich gegenüber stehen, Aug in Aug sich beäugen, lauernd, sich minutenlang räuspern, anräuspern, ja, in einen Räuseperwettbewerb treten, einen Gewinner auszufechten, mag dies auf den ersten Blick verwundern, ein Psychologe könnte Vorträge darüber halten, Bücher schreiben und sonst was. Wir erinnern uns an die beliebte TV-Serie „Herr Maier räuspert sich“ aus den unbeschwerten 70gern, wo derjenige gewann, der sich am längsten räusperte, und an den Moment tiefer Trauer, als, mit dem Erscheinen der Smartphone-Generation auf der Weltbühne, die Sendung aus Quotengründen zu Grabe getragen werden musste. Tja, die gute alte Zeit. Heute verliert Herr Ösi das Duell und erteilt seinem Präsidenten, eine elegante Verbeugung andeutend wie ein Chevallier, großzügig das Wort. Dieser: „Sie sind frei, Herr Ösi. Der wahre Übeltäter ist gefasst. Es mag Sie verwundern. Der Kerl sieht aus wie Sie. Trägt die selben Klamotten wie Sie. Sie gleichen sich wie ein Ei dem andren. Verrückt, oder? Wir haben ihn unweit dem Ort Ihrer Festname gestellt. Mitsamt den Spraydosen. Er hat bereits gestanden.“ Nach einer Weile. „Möchten Sie ihn sehen?“ „Nö, nö, Herr Präsident, das ist nicht nötig. Behalten Sie ihn.“
Zuerst öffnet sich die Zellentür, dann, nach Erledigung der Formalitäten, das mächtige Gefängnistor. Herr Ösi atmet tief durch und schreitet hinaus in die Freiheit…

11 Gedanken zu “Viecherl gerahmt, Teil 4

    • Danke! lieber Herr Heinrich.
      Die pflegliche Behandlung des örtlichen Polizeipräsidenten ist von zentraler Bedeutung, wenn es um Fragen der Freiheit geht. Nicht alle angebotenen Seminare zielen darauf ab, jene Behaglichkeit herzustellen, welche Beamte gerade in diesen Positionen besonders schätzen. Ein gewisses Fingerspitzengefühl ist natürlich von Haus aus mitzubringen… 😉
      Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr, Gesundheit, 🍀, 🐷, 💫, 🥂
      Herr Ösi

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    • Na, na, na, liebe Clara,
      der Ösi ist wie (fast) immer unschuldig. Aber das Beispiel zeigt, wie schnell mitunter es gehen kann, hinter Gittern zu landen. Oft ist es nur ein schmaler Grat.
      Ich wünsche Dir einen guten Rutsch ins neue Jahr, Gesundheit, 🍀, 🐷, 💫, 🥂
      Ösi

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    • Liebe Mallybeau,
      natürlich habe ich den Text stark gekürzt und mich auf das Wesentliche konzentriert. Meist neige ich dazu, mich zu verzetteln, abzuschweifen und das, worüber ich schreiben möchte, wenn überhaupt, in einem Nebensatz zu erwähnen. Hier ist es mir eindeutig besser geglückt… 😉
      Ich wünsche einen guten Rutsch ins neue Jahr, Gesundheit, 🍀, 🐷, 💫, 🥂
      Herr Ösi

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  1. geh weida! Eikastlt homs eam!
    So ein Schreck am Morgen. Nach dem Bild mußte ich erst erneut einen Schluck von meinem Tee nehmen und somit die erlösende Nachricht von der Freilassung hinauszögern.
    Ja, so ein altes Ego, nein, halt, das heißt Alter Ego ist schon praktisch.
    Und zwecks Folter und so – Zahnärzte und andere Mediküsser, Gesundkneter aller zupackenden Fassungen, ja, die gar angeblich freiwillig aufgesuchten Sportmordstudios – wir brauchen uns in der modernen Welt auch ohne Nachhilfe zurückgebliebener Drittweltländer irgendwo, beispielsweise erwähnt die USA mit ihrem Guantanamo (jeder fragt sich, was der arme Mo denn getan hat) oder gar ihr Pudelchen, die Briten mit dem armen australischen Einzelhaftierten (Assange erinnert allmählich an den Mann mit der eisernen Maske), der nicht einfach irren Mordaufforderungen freien Lauf ließ und damit Milliarden scheffelte, sondern vielmehr zeigte, wie die Profis mit ihren Apache – Hubschraubern morden und dafür eingesperrt gehört, gewiß nicht zu verstecken.

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    • Hawidere! Er is scho wieda draußn.
      Gerade im Alter ist so ein Alter Ego überaus praktisch. Oft brauchst du eine Person, wenn du eine Geschichte erzählst… in der es über die Beschreibung einer langweiligen Landschaft hinausgeht. Da wäre es fatal, einen Herrn Maier, Müller oder Schmidt zu erfinden, denen das geschilderte Passierte tatsächlich passiert ist, und die sich nun auf den Schlips getreten fühlen, obwohl sie nur Fliege tragen. Deshalb habe ich den Herrn Ösi erfunden, der, wie mir sein Alter Ego erzählt, zu allerlei Schabernack bereit äh… ist 😉
      Ich wünsche einen guten Rutsch ins neue Jahr, Gesundheit, 🍀, 🐷, 💫, 🥂
      Herr Ösi (selbstverständlich der Echte)

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