Concerto con il mouse

Geschafft! Mit einem Knall fällt die Tür hinter mir ins Schloss. Draußen Sauwetter. April 2021. Begossen wie ein Pudel stehe ich im Flur. Wer sich bei diesen Temperaturen keine Erkältung holen will, braucht ein gutes Immunsystem. Ich friere. Erschöpft sinke ich aufs Sofa. Gleich das Handy. Was steht an? Putzen. Frühjahrsputz. Mit drei !!! Ich schnaufe. Aber okay. Bei diesem Wetter, bei dem du keinen Hund aus dem Haus jagst, schon gar nicht den, den du nicht besitzt, bei diesem Wetter ist Frühjahrsputz angesagt. Beste Gelegenheit. Noch dazu, weil der letzte Putz im Vorjahr wegen Schönwetter ausfallen durfte, nein, musste.
Zuerst den Boden schrubben. Dann die Möbel. Ja nein, nicht schrubben, die Möbel abstauben. Den Franzi nicht verschrecken. Steht so in der To-do-Liste. Sind genügend Putzmittel im Haus? Dies zu überprüfen, müsste ich mich erheben und in die Küche. Ich bleibe sitzen. Frosch. Neutral Reiniger. Müsste da sein. Wurde ja 2020 nicht gebraucht. Ph-neutral. Hautschonend. Ein Rechtschreibfehler. Müsste es nicht BH-neutral heißen? Alles kleiner als Körbchengröße D ist BH-neural. F natürlich jenseits aller Neutralität. Ich lache über diesen Unsinn. Noch ein paar Minuten. Genehmige mir fünf weitere. Minuten Pause eben. Wie schön sitzen sein kann. Regen prasselt ans Fenster. Die Beine ausgestreckt. Zuerst mit Swiffer-Tüchern den Staub auffangen, denke ich. Dann nass drüber wischen. Würde ich einen Blog-Beitrag verfassen, dürfte ich die Swiffer-Tücher erwähnen? Das ist die Frage. Müsste ich sie nicht umbenennen? Der unzulässigen Werbung wegen?
Beinah eingeschlafen läutet das Handy. Ich geh ran, nenne meinen Namen. „W Punkt Schmidt“, sagt der Anrufer. Stille. Nach einer Weile. „Anwaltbüro W Punkt Schmidt“ „Ich lausche“, sage ich und lausche. „Es geht um ihren letzten Blog Beitrag.“ „Ach so, um die Blockchain. Ich hoffe, sie fanden das Posting amüsant.“ „Nicht die Blockchain“, sagt W Punkt Schmidt, „es geht um ihren noch nicht veröffentlichen Beitrag.“ „Der wäre?“ „Seien sie nicht albern.“ „Ich muss sie bitten!“ „Die Swiffer-Tücher! Sagt ihnen das was?“ „Gerade dachte ich, ob ich sie verwenden darf. Also, im Haushalt, natürlich schon. Aber im Blog-Beitrag…“ „Nein, dürfen sie nicht.“ „Woher wissen sie…“ „Es ist mein Job. Meine Aufgabe ist es, einzugreifen, bevor strafbare Handlungen begangen werden. Nehmen sie von den Swiffer-Tüchern Abstand.“ Ich sitze verblüfft da und überlege, wer zuerst aufgelegt hat. W Punkt Schmidt oder ich?
Gestresst klappe ich den Laptop auf. Virtual Piano. Klimpern beruhigt mich. Entweder du nimmst die Finger, tust so, als würdest du maschinschreiben. Oder die Maus, wenn du es langsam angehen lassen willst. Ein Mausklick. Ein Ton. Noch einer. Noch ein Ton. Und so weiter. Eher für Minimalisten geeignet. Heute Maus. Bereits der erste Ton kommt richtig gut. Er gefällt mir. Schlag ihn noch drei Mal an. Pause. Und ein viertes Mal. Eins ist klar. In der Verfassung, in der ich mich befinde, werde ich nur wenig Töne benötigen. Zwei Tasten weiter, Richtung Rechts, werde ich fündig. Danach Wiederholung des ersten Tons. Klingt gut. Klingt ausgezeichnet. Den Fehler, den viele Komponisten begehen, ist, zu viele Töne in die Musik reinzupacken. Der Regen wird stärker. Mozart bestes Beispiel dafür. Klar, begabt war er. Keine Frage. Aber! Mit den Tönen, die er hätte einsparen können, um sie anderweitig einzubringen, wäre es ein Leichtes gewesen, die Anzahl seiner Werke zu verdoppeln. Der Fokus, sage ich. Verlier den Fokus nicht. Nie! Den Fokus nicht aus den Augen verlieren. Während ich über die Sinnhaftigkeit eines weiteren Tones nachdenke, fällt mir was anderes ein. Was Wesentliches. Ich wiederhole das Stück. Einmal mit den zwei verschiedenen Tönen. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Dann, aus Spaß, mit einem neuen, einem dritten Ton. Tja, ich weiß nicht. Die einen werden sagen, zwei Töne sind für mich ausreichend. Viel mehr überfordern mich. Andere wieder werden drei Töne bevorzugen. Oder mehr. Als Komponist hast du’s schwer. Bist der Depp. Irgendwo ist immer einer, der meckert. Dem du es nicht Recht machen kannst. Egal, welchen Ton du anschlägst. Von Musikkritikern ganz zu schweigen. Die sind die Pest.
Draußen erscheint die Sonne. April. April. Macht was er will. Ich beginne von vorn. Mit einem helleren Ton. Dem Wetter entsprechend. Jetzt, im fortgeschrittenen Stadium der Komposition, ist es an der Zeit, einen, um nicht zu sagen, DEN geeigneten Musiktitel zu finden. Falsch wäre zu sagen, Symphonie N° 3, 4, 5 etcetera. Früher, ja. Früher ging das. Heute nicht mehr. Der Titel ist wichtig. Wichtiger als die Musik. Yesterday zum Beispiel. One day ago, wäre grauenhaft gewesen. Da hätten die Jungs gleich einpacken und nach Hause gehen können. Und Klempner werden. Oder Hausarzt. Nix gegen Klempner und Hausärzte. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Never change a winning team. Bin äußerst zufrieden. Die Melodie ist einprägsam. Kommt gut an. Irgendwas mit Concerto im Titel muss es sein. Natürlich Kontscherto gesprochen. Italienisch bietet sich an. Naturalmente. Ist es ein Klavierstück, ist Concerto im Titel unumgänglich. Concerto mit Maus vielleicht. Du gibst dem Hörer was an die Hand. Mit dem er was anfangen kann. Oder, noch besser, ins Ohr. Concert with mouse? Nein. Klingt entsetzlich. Horrible. Concierto con raton? Ist um nix besser. Concert avec la souris? Okay, akzeptabel. Concerto con il mouse? Si! Perfetto! Besser geht es nicht. Läuft runter wie ein Barolo Riserva. Jahrgang egal. Umschmeichelt den Gaumen. Vorzüglichst im Abgang. That’s it.
Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Nehme ich ein Ta raus? Das vierte? Ich versuche es. Ta-TaTa-Ta-Ti-Ta Die Sonne blinzelt durchs Fenster. Auf einmal richtiges Frühlingswetter. Eigentlich sollte ich raus. In die Sonne. Die Sonnenstrahlen genießen. Wie habe ich sie vermisst. Einmal den Laptop aufgeklappt, kann ich mich nur schwer von ihm lösen. Das ist mein Problem. Ich gebe mir noch eine Stunde. Was ist schon das schon? Eine Stunde. Nichts, im Vergleich zur Ewigkeit. Der Frühjahrsputz kann warten. Muss warten. Die Sonne nicht. Morgen. Morgen ist auch ein Tag. Die Natur ist wichtiger. Franzi wird es mir danken. Er liebt die Ruhe. Verabscheut das Putzen. An mein Geklimper hat er sich gewöhnt. Ans Putzen nicht. So sind Weberknechte. Ich gebe das Ta wieder dazu. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Besser so? Das ist die Frage. Ich nehme es wieder raus, das Ta, probiere das Stück vom Anfang an, um es gleich wieder hinzuzufügen. Diese Entscheidungen! Ich verabscheue sie. Diese ständigen Entscheidungen. Gebe ich einen Ton dazu? Nehme ich einen weg? Verändere ich ihn gar? Entscheidungen über Entscheidungen. Ich hasse sie. Sie machen mich verrückt. Bringen mich aus dem Gleichgewicht. Warum kann die Welt nicht stillstehen? Ein bisschen zumindest. Etwa für ein Jahr. Das wär schon was. Für den Anfang. Ist das zu viel verlangt? Ein ganzes Jahr. Ohne eine einzige Entscheidung zu treffen. Treffen zu müssen. Stillstand. Wunderbar. Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Kleine Lockerungsübung zwischendurch. Den Mausfinger geschmeidig halten. Ohne ihn geht es nicht. Der Mausfinger macht die Musik. Heutzutage zumindest. Mozart spielte mit allen zehn. Ich mit einem. Das ist Effizienz.
Rückblickend sage ich, die Aufnahmeprüfung ans Musikkonservatorium in Wien total vergeigt. Ohne Geige. Total vergeigt. Ich saß am Flügel. Ein Bösendorfer war’s. Vor mir die Prüfungskommission. Strenge Blicke. Man bat mich zu spielen. Ta-Ta-Ta-Ta-Ta-Ta-Ta Oder war es Ti-Ti-Ti-Ti-Ti? Egal. Wie auch immer. Ich spielte nur einen Ton. Permanent ein und denselben Ton. Bereits damals der Hang zur Vereinfachung. Zum Minimalismus. Unverkennbar. Welcher Ton es war? Keine Ahnung. Die Erinnerung fehlt. Es war eine der weißen Tasten. Soviel ist sicher. „Aufhören! Aufhören!“, rief man im Saal. Ich spielte unbeirrt weiter. Die Entscheidung, mich entschieden gegen Entscheidungen zu stemmen, nahm ihren Anfang. Lang liegt es zurück. Jahrzehnte. Heute wäre ich mit meiner Musik ein gefeierter Pianist. Schon damals war ich meiner Zeit voraus. Die Royal Albert Hall, die Carnegie Hall und wie sie alle heißen, würden sich um mich reißen. Komplette Konzerte würde ich mit nur einem Ton absolvieren. Zwei Stunden ein und denselber Ton. Mit dem Mausfinger. Das Publikum enthusiastisch applaudierend. Aus dem Häuschen. Dann, vielleicht später, bei der Draufgabe, einen anderen Ton. Du darfst das Publikum nicht zu sehr verwöhnen. Musst ihm zeigen, wer der Chef ist, im Ring.
Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Aufkeimende Zweifel. Bleibe ich dabei oder werfe ich das Stück über den Haufen? Beginne gänzlich neu? Quasi Tabula rasa. Ich weiß es nicht. Kann mich nicht entscheiden. Den Titel habe ich bereits. Er ist das Wichtigste. Die Töne… na ja. Austauschbar. Beliebig austauschbar. Tosender Regen holt mich in die Wirklichkeit zurück. Blicke zum Fenster. Draußen strömender Regen. Grau in grau. April halt. Ich bleibe zu Hause. Bin erschöpft. Lege mich auf die Couch und schließe die Augen. Für den Frühjahrsputz ist es ohnehin zu spät…

Der Welthit

Der Künstler zieht sich zum Erschaffen seines neuesten Werkes in sein Atelier – in unserem Fall – in sein Tonstudio zurück. Hier arbeitet er völlig allein und ungestört.

Doch ist er tatsächlich allein?

Was sich hinter verschlossenen Türen abspielt, ist meist rätselhaft. Heute werfen wir einen Blick hinter die Kulissen, schauen dem Maestro über die Schultern und beobachten ihn bei der Erschaffung (s)eines Welthits.

 

 

KI und die Klassik ♫ ♪ ♫

Haben Sie Angst vor Künstlicher Intelligenz?

Dass ein Roboter Ihren Job übernimmt, das Sagen in Ihrem Haushalt oder Ihr Partner oder Ihre Partnerin Sie gegen einen dieser neumodischen Erfüllungsgehülfen austauscht?

„Ich habe längst das Sagen in meinem Haushalt verloren“, werden nun einige leidgeprüfte Herren wie aus der Pistole geschossen von sich geben. „Zu meiner Zeit, da hat es noch gar keine Roboter gegeben. Wenn ich daran denke, dass …“
Stopp! Stopp! Stopp!
Beziehungsprobleme werden wir in einem anderen Beitrag ausführlich erörtern.

Hier geht es uns heute um diese unbestimmte Angst, um dieses beklemmende Gefühl der Ohnmacht, die viele von uns befällt, sobald der Begriff „Künstliche Intelligenz“ um die Ecke biegt. Die oesiblog Redaktion hat den Faktencheck gemacht und die neuen Schreckgespenster in einer ersten Versuchsreihe auf ihre Musikalität getestet.

Unser Urteil: Entwarnung für alle Konzertpianisten und Profi-Komponisten.

Zwar befindet sich die Künstliche Intelligenz – wie wäre es anders zu erwarten – auf einem erstaunlich hohen Niveau, kann allerdings derzeit noch nicht mit den Größten aus dem Showgeschäft ernsthaft mithalten. Die Unbekümmertheit gepaart mit einer gewissen Kindsköpfigkeit verweist die Roboter in der Disziplin „Klassisches vierhändiges Klavierkonzert“ gegenüber dem herkömmlichen Personal auf die Plätze.

Doch hören Sie selbst …

Flohrellen Quintett

In unserer heutigen Musikausgabe, liebe Leserinnen und Leser, die Sie in der vorliegenden  Ausgabe mehr Hörerinnen und Hörer sein werden als Leserinnen und Leser, in dieser unserer aktuellen Musiksendung beschäftigen wir uns mit der wenig bekannten Spezies der Salmo trutta siphonaptera.

Ein großartig bescheuerter Name für ein zierliches kleines  Tierchen, finden Sie nicht, das nur die wenigsten Lateiner jemals zu Gesicht bekamen … aber klar, ein Name musste her, bevor das Ding wieder abtauchte. Und trotzdem eine Meisterleistung.
Sie stehen also mit bloßen Füßen, weil diese grasig-grausig-grünen Gummistiefel hatten die damals noch nicht, Sie stehen also barfuß-barbeinig, meinetwegen auch breitbeinig, in einem saukalten Gebirgsbach oberhalb von 1800 Metern Höhe, Sie müssen sich vorstellen, die Strömung zerrt an Ihren Wadeln, sodass  Sie nicht wissen, ist es  die Strömung oder ist es die Kälte, die Ihnen im Augenblick mehr zu schaffen macht, und während Sie so da stehen und nachdenken, welche Pein wohl die größere ist, taucht sie aus dem Wasser auf und gleich wieder ab. Die Salmo Trutta Siphonaptera.

Jetzt haben Sie ein ziemlich großes Problem. Einerseits, um Himmels Willen, nur nicht die Balance verlieren, weil eh klar, was dann passiert, andererseits sollten Sie dem Tierchen, das mit Sicherheit noch kein Schwein vor Ihnen jemals zu Gesicht bekam, einen wenn möglich sinnvollen Namen verpassen … bevor es ein anderer tut. Sie entscheiden sich für Salmo Trutta Siphonaptera … und … bravo, dazu kann man Ihnen nur gratulieren.  Wie Sie alles in Sekundenbruchteilen erfasst haben oder war es einfach ein oder das Bauchgefühl oder der rasende Gebirgsbach, das Rauschen, das Tosen der Elemente oder sonst was, das Sie zu dieser Namensgebung veranlasst hat. Ist auch nebensächlich. Die Salmo Trutta Siphonaptera ist schlicht und ergreifend eine geglückte Kreuzung zwischen einer Forelle und einem Floh – gewissermaßen und sozusagen eine Flohrelle.

„Una salmo trutta siphonaptera“, sagte der Lateiner wie aus der Pistole geschossen, ständig wiederholend, damit er es ja nicht vergaß, „una salmo trutta siphonaptera“, er musste ja zuvor unbeschädigt aus diesem verdammten Gebirgsbach steigen, die Füße abtrocknen und so weiter, wie es die Lateiner zwingend tun, sobald sie aus dem eiskaltem Wasser steigen, „una salmo trutta siphonaptera“, wo ist nur das Notizbüchlein?, wo? wo? wo?, e-n-d-l-i-c-h, da ist es unter der achtlos hingeworfenen Tunika, Notizbüchlein gezückt und eiligst notiert. Dummerweise vergaß er, den eigenen Namen unter seine Entdeckung sowie unter die langatmige Beschreibung der ersten jemals gesichteten Flohrelle zu setzen, ansonsten wäre er heute berühmt.

Die Flohrelle, so selten sie auch anzutreffen ist, hat zweifellos eine Hommage verdient.

Herr Ösi greift – weil naheliegend – auf ungefähre Motive aus Franz Schuberts bekanntem Forellenquintett zurück und transplantiert das Werk unter der größtmöglichen Behutsamkeit, die man dem Franzl nur angedeihen lassen kann, als Flohrellenquintett in die gegenwärtige Neuzeit hinüber. „Auf die lebensechte Darstellung der quirligsten Eleganz einer Gebirgs-Forelle gepaart mit der Sprung- und Launenhaftigkeit des hundsgemeinen Flohs unter strenger Einhaltung einer quasi mystischen Minimalistik wurde das ganz besondere Augenmerk gelegt“, schreibt das Rolling Stone Magazin wie gewohnt sperrig.

Ahoi und viel Vergnügen …