Concerto con il mouse

Geschafft! Mit einem Knall fällt die Tür hinter mir ins Schloss. Draußen Sauwetter. April 2021. Begossen wie ein Pudel stehe ich im Flur. Wer sich bei diesen Temperaturen keine Erkältung holen will, braucht ein gutes Immunsystem. Ich friere. Erschöpft sinke ich aufs Sofa. Gleich das Handy. Was steht an? Putzen. Frühjahrsputz. Mit drei !!! Ich schnaufe. Aber okay. Bei diesem Wetter, bei dem du keinen Hund aus dem Haus jagst, schon gar nicht den, den du nicht besitzt, bei diesem Wetter ist Frühjahrsputz angesagt. Beste Gelegenheit. Noch dazu, weil der letzte Putz im Vorjahr wegen Schönwetter ausfallen durfte, nein, musste.
Zuerst den Boden schrubben. Dann die Möbel. Ja nein, nicht schrubben, die Möbel abstauben. Den Franzi nicht verschrecken. Steht so in der To-do-Liste. Sind genügend Putzmittel im Haus? Dies zu überprüfen, müsste ich mich erheben und in die Küche. Ich bleibe sitzen. Frosch. Neutral Reiniger. Müsste da sein. Wurde ja 2020 nicht gebraucht. Ph-neutral. Hautschonend. Ein Rechtschreibfehler. Müsste es nicht BH-neutral heißen? Alles kleiner als Körbchengröße D ist BH-neural. F natürlich jenseits aller Neutralität. Ich lache über diesen Unsinn. Noch ein paar Minuten. Genehmige mir fünf weitere. Minuten Pause eben. Wie schön sitzen sein kann. Regen prasselt ans Fenster. Die Beine ausgestreckt. Zuerst mit Swiffer-Tüchern den Staub auffangen, denke ich. Dann nass drüber wischen. Würde ich einen Blog-Beitrag verfassen, dürfte ich die Swiffer-Tücher erwähnen? Das ist die Frage. Müsste ich sie nicht umbenennen? Der unzulässigen Werbung wegen?
Beinah eingeschlafen läutet das Handy. Ich geh ran, nenne meinen Namen. „W Punkt Schmidt“, sagt der Anrufer. Stille. Nach einer Weile. „Anwaltbüro W Punkt Schmidt“ „Ich lausche“, sage ich und lausche. „Es geht um ihren letzten Blog Beitrag.“ „Ach so, um die Blockchain. Ich hoffe, sie fanden das Posting amüsant.“ „Nicht die Blockchain“, sagt W Punkt Schmidt, „es geht um ihren noch nicht veröffentlichen Beitrag.“ „Der wäre?“ „Seien sie nicht albern.“ „Ich muss sie bitten!“ „Die Swiffer-Tücher! Sagt ihnen das was?“ „Gerade dachte ich, ob ich sie verwenden darf. Also, im Haushalt, natürlich schon. Aber im Blog-Beitrag…“ „Nein, dürfen sie nicht.“ „Woher wissen sie…“ „Es ist mein Job. Meine Aufgabe ist es, einzugreifen, bevor strafbare Handlungen begangen werden. Nehmen sie von den Swiffer-Tüchern Abstand.“ Ich sitze verblüfft da und überlege, wer zuerst aufgelegt hat. W Punkt Schmidt oder ich?
Gestresst klappe ich den Laptop auf. Virtual Piano. Klimpern beruhigt mich. Entweder du nimmst die Finger, tust so, als würdest du maschinschreiben. Oder die Maus, wenn du es langsam angehen lassen willst. Ein Mausklick. Ein Ton. Noch einer. Noch ein Ton. Und so weiter. Eher für Minimalisten geeignet. Heute Maus. Bereits der erste Ton kommt richtig gut. Er gefällt mir. Schlag ihn noch drei Mal an. Pause. Und ein viertes Mal. Eins ist klar. In der Verfassung, in der ich mich befinde, werde ich nur wenig Töne benötigen. Zwei Tasten weiter, Richtung Rechts, werde ich fündig. Danach Wiederholung des ersten Tons. Klingt gut. Klingt ausgezeichnet. Den Fehler, den viele Komponisten begehen, ist, zu viele Töne in die Musik reinzupacken. Der Regen wird stärker. Mozart bestes Beispiel dafür. Klar, begabt war er. Keine Frage. Aber! Mit den Tönen, die er hätte einsparen können, um sie anderweitig einzubringen, wäre es ein Leichtes gewesen, die Anzahl seiner Werke zu verdoppeln. Der Fokus, sage ich. Verlier den Fokus nicht. Nie! Den Fokus nicht aus den Augen verlieren. Während ich über die Sinnhaftigkeit eines weiteren Tones nachdenke, fällt mir was anderes ein. Was Wesentliches. Ich wiederhole das Stück. Einmal mit den zwei verschiedenen Tönen. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Dann, aus Spaß, mit einem neuen, einem dritten Ton. Tja, ich weiß nicht. Die einen werden sagen, zwei Töne sind für mich ausreichend. Viel mehr überfordern mich. Andere wieder werden drei Töne bevorzugen. Oder mehr. Als Komponist hast du’s schwer. Bist der Depp. Irgendwo ist immer einer, der meckert. Dem du es nicht Recht machen kannst. Egal, welchen Ton du anschlägst. Von Musikkritikern ganz zu schweigen. Die sind die Pest.
Draußen erscheint die Sonne. April. April. Macht was er will. Ich beginne von vorn. Mit einem helleren Ton. Dem Wetter entsprechend. Jetzt, im fortgeschrittenen Stadium der Komposition, ist es an der Zeit, einen, um nicht zu sagen, DEN geeigneten Musiktitel zu finden. Falsch wäre zu sagen, Symphonie N° 3, 4, 5 etcetera. Früher, ja. Früher ging das. Heute nicht mehr. Der Titel ist wichtig. Wichtiger als die Musik. Yesterday zum Beispiel. One day ago, wäre grauenhaft gewesen. Da hätten die Jungs gleich einpacken und nach Hause gehen können. Und Klempner werden. Oder Hausarzt. Nix gegen Klempner und Hausärzte. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Never change a winning team. Bin äußerst zufrieden. Die Melodie ist einprägsam. Kommt gut an. Irgendwas mit Concerto im Titel muss es sein. Natürlich Kontscherto gesprochen. Italienisch bietet sich an. Naturalmente. Ist es ein Klavierstück, ist Concerto im Titel unumgänglich. Concerto mit Maus vielleicht. Du gibst dem Hörer was an die Hand. Mit dem er was anfangen kann. Oder, noch besser, ins Ohr. Concert with mouse? Nein. Klingt entsetzlich. Horrible. Concierto con raton? Ist um nix besser. Concert avec la souris? Okay, akzeptabel. Concerto con il mouse? Si! Perfetto! Besser geht es nicht. Läuft runter wie ein Barolo Riserva. Jahrgang egal. Umschmeichelt den Gaumen. Vorzüglichst im Abgang. That’s it.
Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Nehme ich ein Ta raus? Das vierte? Ich versuche es. Ta-TaTa-Ta-Ti-Ta Die Sonne blinzelt durchs Fenster. Auf einmal richtiges Frühlingswetter. Eigentlich sollte ich raus. In die Sonne. Die Sonnenstrahlen genießen. Wie habe ich sie vermisst. Einmal den Laptop aufgeklappt, kann ich mich nur schwer von ihm lösen. Das ist mein Problem. Ich gebe mir noch eine Stunde. Was ist schon das schon? Eine Stunde. Nichts, im Vergleich zur Ewigkeit. Der Frühjahrsputz kann warten. Muss warten. Die Sonne nicht. Morgen. Morgen ist auch ein Tag. Die Natur ist wichtiger. Franzi wird es mir danken. Er liebt die Ruhe. Verabscheut das Putzen. An mein Geklimper hat er sich gewöhnt. Ans Putzen nicht. So sind Weberknechte. Ich gebe das Ta wieder dazu. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Besser so? Das ist die Frage. Ich nehme es wieder raus, das Ta, probiere das Stück vom Anfang an, um es gleich wieder hinzuzufügen. Diese Entscheidungen! Ich verabscheue sie. Diese ständigen Entscheidungen. Gebe ich einen Ton dazu? Nehme ich einen weg? Verändere ich ihn gar? Entscheidungen über Entscheidungen. Ich hasse sie. Sie machen mich verrückt. Bringen mich aus dem Gleichgewicht. Warum kann die Welt nicht stillstehen? Ein bisschen zumindest. Etwa für ein Jahr. Das wär schon was. Für den Anfang. Ist das zu viel verlangt? Ein ganzes Jahr. Ohne eine einzige Entscheidung zu treffen. Treffen zu müssen. Stillstand. Wunderbar. Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Kleine Lockerungsübung zwischendurch. Den Mausfinger geschmeidig halten. Ohne ihn geht es nicht. Der Mausfinger macht die Musik. Heutzutage zumindest. Mozart spielte mit allen zehn. Ich mit einem. Das ist Effizienz.
Rückblickend sage ich, die Aufnahmeprüfung ans Musikkonservatorium in Wien total vergeigt. Ohne Geige. Total vergeigt. Ich saß am Flügel. Ein Bösendorfer war’s. Vor mir die Prüfungskommission. Strenge Blicke. Man bat mich zu spielen. Ta-Ta-Ta-Ta-Ta-Ta-Ta Oder war es Ti-Ti-Ti-Ti-Ti? Egal. Wie auch immer. Ich spielte nur einen Ton. Permanent ein und denselben Ton. Bereits damals der Hang zur Vereinfachung. Zum Minimalismus. Unverkennbar. Welcher Ton es war? Keine Ahnung. Die Erinnerung fehlt. Es war eine der weißen Tasten. Soviel ist sicher. „Aufhören! Aufhören!“, rief man im Saal. Ich spielte unbeirrt weiter. Die Entscheidung, mich entschieden gegen Entscheidungen zu stemmen, nahm ihren Anfang. Lang liegt es zurück. Jahrzehnte. Heute wäre ich mit meiner Musik ein gefeierter Pianist. Schon damals war ich meiner Zeit voraus. Die Royal Albert Hall, die Carnegie Hall und wie sie alle heißen, würden sich um mich reißen. Komplette Konzerte würde ich mit nur einem Ton absolvieren. Zwei Stunden ein und denselber Ton. Mit dem Mausfinger. Das Publikum enthusiastisch applaudierend. Aus dem Häuschen. Dann, vielleicht später, bei der Draufgabe, einen anderen Ton. Du darfst das Publikum nicht zu sehr verwöhnen. Musst ihm zeigen, wer der Chef ist, im Ring.
Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Aufkeimende Zweifel. Bleibe ich dabei oder werfe ich das Stück über den Haufen? Beginne gänzlich neu? Quasi Tabula rasa. Ich weiß es nicht. Kann mich nicht entscheiden. Den Titel habe ich bereits. Er ist das Wichtigste. Die Töne… na ja. Austauschbar. Beliebig austauschbar. Tosender Regen holt mich in die Wirklichkeit zurück. Blicke zum Fenster. Draußen strömender Regen. Grau in grau. April halt. Ich bleibe zu Hause. Bin erschöpft. Lege mich auf die Couch und schließe die Augen. Für den Frühjahrsputz ist es ohnehin zu spät…

System Error

Jeder, der jetzt bei SYSTEM ERROR eine System-Kritik erwartet, den muss ich enttäuschen. Obwohl! Angebracht wäre sie schon, die System-Kritik. Vielleicht beim nächsten Mal. Ich merk‘ sie mir vor. Heute sind wir im Reich der Musik. Mal wieder. Musik bereitet in der Regel Freude. Also, meist dann, wenn wir nicht über die Oper sprechen. Obwohl! Das ist nun das zweite… äh pardon, das dritte Obwohl! in kürzester Zeit und natürlich gibt es den geneigten Opernfreund, den, der die Klassische Musik zu schätzen weiß, wie Herr Ösi (opernmäßig eher banausenhaft drauf), der, hört er Mozarts Zauberflöte, die einzige Oper übrigens, die er kennt und liebt, aber hey, die kennt er so gut, sprich aus dem Effeff, dass er den Papageno („Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig, heißa hoppsassa!), den er besonders mag, den Papageno, und den er bei seinen Liedchen derart kräftig unterstützt, dass du glaubst, der Ösi singt den ganzen lieben Tag nix anderes als Arien. Die Oper ist praktisch die einzige Musikrichtung, wo ein, kommen wir auf den Punkt, ein System Error unvorstellbar ist. Das ist erstaunlich. Ich spreche klarerweise von der Oper in der Oper. Die Oper in der Oper ist sozusagen System Error free. Nicht so die Oper zu Hause, die vom Plattenspieler oder vom Dingens dudelt. Nein, die nicht. Im trauten Heim ist jederzeit ein System Error möglich und, wenn ich mir’s recht überlege, dann ist er sogar ziemlich wahrscheinlich. Er tritt ein, wenn du ihn am wenigsten erwartest. Das ist das Verteufelte. Du wartest sehnsüchtig auf die Königen der Nacht – um Missverständnissen zuvorzukommen, wir sind immer noch in der Zauberflöte – und plötzlich ist er da, der System Error, bevor sie, die Königin der Nacht, zur Koloratur, was freilich nix Unanständiges ist, obwohl, ein bisschen klingen tut es schon danach, bevor sie zur Koloratur ansetzen kann. Statt der erwarteten Koloratur folgt ein veritabler System Error. Wär‘ dir in der Oper nicht passiert. Zu Hause aber sind dem System Error Tür und Tor geöffnet. Zu Hause fühlt er sich wohl. Weshalb viele in die Oper gehen, um den heimischen System Error zu entkommen. „Schatzi, heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwa… äh in die Oper.“ Die Oper ist logischerweise System Error free, jedoch keineswegs Error free, wenn du weißt, was ich meine. Ich berichtete kürzlich darüber. Nun gut. Kommen wir zur Sache.
Der System Error ist, sagen wir mal… stromgebunden. Klar. Gerade in der elektronischen Musik ist er mitunter unvermeidlich, gehört quasi zum guten Ton. Weshalb Herr Ösi seinen neuen Song System Error nennt. In Zeiten wie diesen, wo Tanzmöglichkeiten Mangelware, bringt er dir die Mucke samt super prima Laune, die du jetzt am meisten brauchst, in die gute Stube hinein und ist dabei extrem tanzbar. Allein. Zu zweit. Zu dritt. Wie auch immer. Ein bisschen Latin Jazz, Soul, eine Prise Industrial, jener heiße Scheiß, für den wir eigentlich zu alt sind, wo wir denken, wir stehen inmitten einer Fabrikhalle, umgeben von maschinellem Gedöns-Gedrönhs, aber pssst, pssst, hör selbst… 😉

Das seitliche Abdriften des Kuckucks auf dem Weg zur Gabelung

Saftschubse: Man sieht ihnen die Enttäuschung an, Chef.
Herr Ösi: Ja? Ist das so?
Saftschubse: Regelrecht.
Herr Ösi: Das haben sie schön gesagt, dieses Regelrecht.
Saftschubse: Es war bestimmt nicht leicht.
Herr Ösi: Wie wahr. Sie sagen es.
Saftschubse: So kurz vor dem Ziel.
Herr Ösi: Ja, das Ziel vor Augen. Zum Greifen nah. Zauntimeter gewissermaßen…
Saftschubse: Eine herbe Enttäuschung. Wenn einer diese Ablehnung nicht verdient hat, sind sie es, Chef.
Herr Ösi: Ach, Saftschübslein…
Saftschubse: Diese Horden nichtsnutziger… äh… gemeingefährlicher…
Herr Ösi: Die Möwe als Möwe belassen, verstehen sie? Vielleicht hätte ich die Möwe belassen sollen, wie sie ist. Als Möwe eben.
Saftschubse: Sie meinen…
Herr Ösi: Eine Möwe als einen Kuckuck auszugeben, überfordert das Publikum. Die moderne Smartphone-Gesellschaft von heute ist nicht bereit für jene Flexibilität im Denken, die nötig wäre. Das Gehirn spielt bei ihr einfach nicht mit. Ein Zuviel an Technik engt die Menschen ein. Die Bandbreite, die freies Denken in diesen Tagen noch ermöglicht, wird zusehends schmäler.
Saftschubse: Da ist was dran.
Herr Ösi: Jammerschade.
Saftschubse: Sie sind angetreten, die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Den alten Mief rauszublasen aus der Stadt. Weg! Weg! „Fenster auf! Türen auf!“, haben sie wieder und wieder gerufen. „Wir brauchen Luft! Frische Luft! Viel frische Luft!“
Herr Ösi: Die Honoratoren der Stadt haben es nicht honoriert.
Saftschubse: Weil die eben keine Ahnung haben.
Herr Ösi: Vielleicht war es zu gewagt zu sagen: Die Zauberflöte muss runter vom Spielplan. Weg damit! Mozart kann auch in einer Turnhalle aufgeführt werden.
Saftschubse: Das stimmt. In Gramatneusiedl hätten man ihnen für diesen Vorschlag die Hände und die Füße geküsst.
Herr Ösi: In Gramatneusiedl… ganz bestimmt. Nicht in Salzburg, nein, in Salzburg nicht. In Salzburg sind sie zu verbiestert. Zu starrköpfig. Die Stadtoberen haben sich mit Händen und Füßen gewehrt, ihren geliebten Mozart in eine Turnhalle auszulagern.
Saftschubse: Dabei hätte es massive Vorteile gehabt.
Herr Ösi: Mozart, da bin ich sicher, Mozart wäre es egal gewesen. Er hätte es sogar befürwortet. Er hätte der Turnhalle den Vorzug gegeben. Papageno und Papagena hätten ihre Arie auf einem Stufenbarren gesungen.
Saftschubse: Ich glaube, Mozart hätte ihnen das Große Festspielhaus zur Verfügung gestellt.
Herr Ösi: Selbst mit der Felsenreitschule wäre ich zufrieden gewesen.
Saftschubse: Ihre Bescheidenheit ehrt sie, Chef, allein, sie bringt nix.
Herr Ösi: Der Beschluss fiel einstimmig aus. Es wäre nicht tragbar, Mozart, das berühmteste Kind der Stadt, aus dem Programm der „Salzburger Festspiele“ zu nehmen, so die Verantwortlichen, und statt dessen einen unbekannten Experimentalfilm mit kontemporärer Musikbegleitung mit dem Titel „Das seitliche Abdriften des Kuckucks auf dem Weg zur Gabelung“ dem erlauchten, oftmals weitgereisten und weit vergreisten Publikum darzubieten. Zudem würde der Film mit einer Dauer von 5 Minuten nur einen Bruchteil der Zeit veranschlagen, den die Zauberflöte benötigt, heruntergefiedelt zu werden, wir sprechen hier von einem Sechsunddreißigstel.
Saftschubse: Papperlapapp!
Herr Ösi: Das habe ich auch gesagt. Höchstens fünf Minuten dauert die Zeitspanne, die es dem modernen Mensch ermöglicht, sich zu konzentrieren. Dann ist es vorbei. Dann schweift er ab, driftet ab, verzettelt sich und verliert den Faden. Der Kuckucks-Film wäre geradezu ideal gewesen. Einen Mozart in der heutigen Zeit aufzuführen ist Wahnsinn, genauso gut könnte man Perlen vor Säue werfen. Das Publikum ist einfach überfordert. Bedenken sie: Die Ouvertüre ist noch im vollen Gang, da läuten die ersten Handys. Telefonate werden geführt. Ob das Bügeleisen ausgeschaltet ist, wird gefragt, ob die Oma gut versorgt ist, der Kanarienvogel seine Körner bekommen hat, kurz: ab diesem Moment werden von Salzburg aus die elementarsten Botschaften in die Welt hinausgeschickt. Die Leidtragenden dieser neuzeitlichen Unsitten sitzen im Orchestergraben. Er ist das Auffangbecken, in dem sich die Gespräche des Auditoriums zu einem Stimmengewirr verdichten. Ist doch klar, die Gespräche purzeln bedingt durch die Schwerkraft in den Orchestergraben hinab und wabern wie unsichtbare Nebelschwaden um die Musiker. Malträtieren sie. Peinigen sie. So mancher Streicher scheidet noch während der Vorstellung freiwillig aus dem Leben. Den Veranstaltern ist es egal. China hält genügend Nachschub parat. Eine Riege von hochtalentierten Streichern wartet nur darauf, endlich in einem Salzburger Orchestergraben das Leben auszuhauchen. Hauptsache Salzburg. Das ist es, was zählt. Begonnen hatte alles mit einem gewissen Ching Chang Chong, der sich mitten in der Rachearie mit einer Saite seiner Bratsche erdrosselte. Das Telefonnetz brach völlig zusammen, als Teile des Publikums die Tat hautnah miterlebten und das gesehene Geschehene unverzüglich in den Äther hinausposaunten. Die Oper lief zum Glück ohne Unterbrechung weiter. Der Vorfall blieb kein Einzelfall und machte Schule. In Musikerkreisen spricht man längst von der „Chinesischen Schule“, wenn Geiger sich während der Vorstellung das Leben nehmen. Weshalb in Salzburger Orchestergräben immer mehr Musiker sitzen, als für die eigentliche Vorstellung nötig. Als Reserve sozusagen. Legendär ist der Selbstmord eines argentinischen Dirigenten, der mit seinem Taktstock Harakiri verübte, nachdem er das vermeintliche Fremdgehen seiner Gattin aus einem der vielen Gespräch herausgehört zu haben glaubte. Kein Problem für die Musiker, die ihre Hausaufgaben mit Bravour erledigt hatten und unbeirrt ohne den Orchesterchef zu Ende fiedelten.
Saftschubse: Entsetzlich!
Herr Ösi: Ein DAX-Vorstand gibt zu Protokoll, die besten Geschäftsabschlüsse mache er, wenn die Königin der Nacht ihr Liedchen trällert und seine japanischen Geschäftspartner denken, er befände ich auf einer Alm mit Jodelmusik und Schuhplattler-Einlagen im Hintergrund. Während einer Mozart-Oper führen die Wichtigsten dieser Welt oder die, die sich dafür halten, all jene Gespräche, zu denen ihnen im normalen Tagesbetrieb die Zeit fehlt. Das erlauchte Publikum hat vor allem eines: Geld. Deshalb ist es den Stadtvätern so wichtig, diese Mozart-Tradition fortzuführen. Im Grunde ist es nichts anderes als Geschäftemacherei. Der Rubel muss rollen. Sehr im Gegensatz zum Publikum, das aufgrund seiner Altersstruktur sich immer wieder in den Gängen mit den Rollatoren in die Quere kommt und verkeilt. Dann rollt gar nichts mehr. Bis der letzte seinen Sitzplatz gefunden und eingenommen hat, hätte man zwei Zauberflöten hintereinander aufführen können. Endlich ist so weit. Der Dirigent klopft mit dem Taktstock wichtigtuerisch auf das Pult. Die Ouvertüre beginnt. Und gleichzeitig mit ihr hunderte von Telefongesprächen. Der dringlichen Bitte, die Musiker sollten doch nicht so laut spielen, es störe extrem beim Telefonieren, wird schon mal gegen Bezahlung eines schwindelerregenden Betrages nachgekommen. Für die nächsten drei Stunden ist Salzburg das Zentrum der Welt. Mindestens. Wenn nicht gar der Mittelpunkt des Universums.
Saftschubse: Unglaublich.
Herr Ösi: Die Absage kam also nicht von ungefähr.
Saftschubse: Chef, ich hab eine Idee. Warum bieten sie ihren Experimentalfilm nicht unseren Kunden an? Die sind bestimmt dankbarer als diese verwöhnt elitären Mozart-Fuzzies.
Herr Ösi: Wow! Das ist es! Sie sind ja sooo genial, Saftschübslein. Was, so frage ich mich, würde ich bloß ohne sie machen?
Saftschubse leise zu sich: Das frage ich mich auch.

ESC auf IBIZA

Die neueste Création von Alfons Schubeck? wird manch einer fragen. Womöglich mit pochierten Morcheln in Essig und Öl auf geriebenem Schlagobers? Nein, weit gefehlt. Wir bearbeiten heute brandaktuelle und heikle Themen. ESC und Ibiza. Wer könnte die unbefangener überblicken und beurteilen als beispielsweise ein … Unbefangener? Die Antwort liegt auf der Hand. Der Brite, der vom Brexit gebeutelte Einwohner Großbritanniens, er ist genau der richtige. Er verfügt über den nötigen Abstand, den wir freilich nicht mit Anstand verwechseln dürfen, denn wir Kontinentaleuropäer sind für ihn bloß, nun ja, sie wissen schon … deshalb brauchen wir ihn heute und seine neutrale, klare und unvoreingenommene Sicht auf die Dinge. Denken wir, denkt er.

Let’s go Buckingham Palace, five o’Clock, tea time and so on. Present: the Queen and Mister Brexit. Everything is very british. Translation please …

Queen: Aus! Aus! Schalten sie das Radio aus! Ist ja nicht auszuhalten!
Herr Brexit tut wie geheißen: Sehr wohl, Ihre Majestät.
Queen: Unverschämt! Singt der über mich?
Herr Brexit: Ich denke nicht.
Queen: She’s a Killer Queen, gunpowder, gelatin, dynamite with a laser beam. Wer ist der Kerl?
Herr Brexit: Ein gewisser Freddie Mercury.
Queen: Holen sie ihn her!
Herr Brexit: Das wird nicht möglich sein.
Queen: Dann lassen sie ihn in Ketten legen. Wo ist Mum? Kommt sie heute wieder nicht?
Herr Brexit: Ihre Mum, mit Verlaub, ist …
Queen: Egal. Soll sie machen, was sie will.
Herr Brexit: Ihr Sohn ist übrigens ein großer Bewunderer von Freddie Mercury.
Queen: Mein Sohn? Habe ich etwa ein Kind?
Herr Brexit: Sie wissen es nicht mehr?
Queen: Ich kann mich nicht erinnern. Was tut er? Arbeitet er? Er hat doch einen anständigen Beruf? Sagen sie, dass er arbeitet und dass er rechtschaffen ist.
Herr Brexit: Früher die Fuchsjagd. Heute … man weiß nichts genaues.
Queen: Oh my god! Nichtsnutze! diese Windsors. Alles Nichtsnutze! sagte schon Onkel George, die Windsors kannst du höchstens für die Fuchsjagd gebrauchen. Zu nichts anderem als für die Fuchsjagd. Nicht dass sie schlauer wären als die Füchse, nein, im Gegenteil, aber sie haben das Schießpulver auf ihrer Seite.
Herr Brexit: Yeah! Gunpowder, gelatin, dynamite with a laser beam.
Queen: Die Fuchsjagd mit Dynamit haben sie nun wohl auch noch verboten. Sehe ich das richtig?
Herr Brexit: Ganz recht. Dynamit ist nicht mehr erlaubt. Sehr zum Leidwesen Ihres Sohnes. Die Tierpräparatoren …
Queen: Tierpräparatoren?
Herr Brexit: All jene Damen und Herren, die die Füchse nach der Sprengung mühsam einsammeln und zusammenkleben mussten …
Queen: … die Tierpräparatoren … wie geht es eigentlich meinem Philip? Es geht ihm doch gut?
Herr Brexit: Ja, es geht im gut. Er ist wohlauf und sieht sich die Wiederholung vom ESC an. Er ist ja so musikbegeistert. Er wartet auf die Darbietung der Wilden aus Nigeria, die, wie er sagt, so aussehen, als wollten sie gleich schlafen gehen. Die Wilden aus Nigeria, habe ich ihn angeschrien, weil er fast nix mehr hört, die Wilden dürfen am ESC nicht teilnehmen, weil eben Eurovision Song Contest, also, nur für Nicht-Wilde. Aber bei der Wiederholung, hat er gesagt, dürfen sie vielleicht doch antreten. Er würde es ihnen sooo gönnen.
Queen: Wie haben wir abgeschnitten?
Herr Brexit: Darf ich Ihrer Majestät Tee nachreichen?
Queen: Sie dürfen … und die Deutschen?
Herr Brexit: Haben Rang 24 belegt.
Queen: Gut so. Mehr haben die auch nicht verdient. Wie sieht’s mit den Ösis aus?
Herr Brexit: Die haben nicht teilgenommen, haben mal wieder die Qualifikation nicht geschafft. Haben wie üblich im Vorfeld alles vergeigt.
Queen: Das sieht ihnen ähnlich. Welch eine Schande. Kaiser Franz Joseph tut mir leid. Er wird wütend und verbittert sein.
Herr Brexit: Das denke ich nicht.
Queen: Sagen sie bloß, es ist ihm egal.
Herr Brexit: Sozusagen.
Queen: Er wird doch nicht …
Herr Brexit: Er ist von uns gegangen. – Ist schon ’ne Weile her.
Queen betroffen: Nein! Es trifft immer die Besten! Aber sein Star-Komponist … wie hieß der noch … dieser, dieser Mozart?
Herr Brexit: Nein, Radetzky. Feldmarschall Radetzky.
Queen: Fuck! Ja, natürlich, Radetzky. Wie konnte ich das vergessen. Manchmal denke ich, ich verblöde hier völlig auf Buckingham.
Herr Brexit: Geht mir genauso, Eure Majestät.
Queen: Dieser Radetzky lebt wohl auch nicht mehr.
Herr Brexit: So ist es.
Queen: Dann sagen sie mir: wer regiert dann die Ösis?
Herr Brexit: Nun ja, wenn ich das wüsste. Wer regiert die Ösis? Diese Frage ist so leicht nicht zu beantworten, nachdem DER SPIEGEL und die Süddeutsche Zeitung …
Queen: Drecksblätter! Ganz miese Drecksblätter sind das!
Herr Brexit: Völlig meine Meinung. Diese sogenannten Journalisten haben ein Video veröffentlicht, das hochrangige österreichische Politiker in Ibiza beim …
(Hier verzichten wir wiederzugeben, was der Leser ohnehin weiß beziehungsweise zu wissen glaubt)
Queen: Kurz gesagt, das deutsche Journalisten-Gesindel-Pack hat also unter dem Vorwand der investigativen Berichterstattung in die Politik eines souveränen fremden Staates eingegriffen, mit dem Ziel, eine legitim vom Volk gewählte Regierung zu Fall zu bringen. Man nennt dies Regime Change! Solche Sauereien waren bislang nur von unseren amerikanischen Freunden bekannt. Nein, es ist nicht bloß eine Sauerei, es ist ein Verbrechen!
Herr Brexit: So präzise und exakt wie Sie es sagen, Eure Majestät, hätte es nicht einmal Winston – Gott hab ihn selig – formulieren können.
Queen: Sie kleiner Schäker, sie. Kommen sie und schenken sie mir nach. Am besten einen Doppelten …

Alien Alarm 53 (Amadeus)

In Wien wird wieder gebaggert. Über all reissen sie die Strassen auf und graben Löcher, die so tief sind, dass man sich gar nicht runter schauen traut vor lauter un Tiefe.

 

 

Jetzt ein interessantes sprachliches de Tail: in deutschen Landen wird der be Griff „baggern“ auch dazu ver wendet, eine ver Treterin des weiblichen ge Schlechts an zu machen bzw an zu braten. In Wien sagt man statt „baggern“ ein fach „auf reissen“, was ein und das selbe ist. Es ist er staunlich, dass so wohl das „Baggern“ als auch das „auf Reissen“ be Griffe sind, die aus dem tief baulichen Milieu stammen und von den Herrn der Schöpfung, wenn die nicht gerade am Graben sind, bei der Jagd auf’s weibliche ge Schlecht an ge wendet werden.

— * —

Auch Wolfgang Amadeus Mozart stand dem „an Baggern“ und „auf Reissen“ diverser weibs Stücke, wenn er nicht gerade am Kompostieren war, stets positiv gegen über.

 

Als Musiker und Künstler war er so wie so ein bisschen dingens, da brauchte er abends, wenn er den noten Pinsel aus der Hand legte, ge bührliche ab weXlung in Form weiblicher aff Ektion.

Ziemlich ver stört wirkten die stadt Oberen Wiens als sie das grab Mahl Mozarts am zentral fried Hof öffnen liessen und statt Wolferls ver witterte geh Beine nur gähnende Leere vor fanden. So fort liess man be nachbarte Gräber eben falls und erfolg los öffen.

Dann be sann man sich, dass der Musiker uhr sprünglich ja am sankt marxer fried Hof be gesetzt worden war und setzte dort das lustige gräber Öffnen fort. Eben falls er folg los.

Einige Tage später wirkten die beiden fried Höfe so, als hätten dort RIESEN MAUL WÜRFE ihre schrökliche ar Beit ver richtet. Einer seits ragten meter hohe erd Haufen gen Himmel, anderer seits klafften riesige Löcher im erd Reich.

„Bringen sie mir mein Wolferl, finden sie seine geh Beine und tun sie was, tun sie was, tun sie was!“, tobte der bürger Meister. Er war über zeugt da von, dass „sein Wolferl“, wie er ihn nannte, ein ausser Irdischer gewesen sein musste und so gar Prof. Dr. Pi Cadilly be stätigte ihn in seinem glau Ben. „Yes, indeed, Mozart could be an Alien.“

 

Und als man sämtliche fried Höfe der Stadt um ge graben und von Mozart immer noch nicht die ge ringste Spur ge funden hatte, da ent schloss man sich, da das Toben des bürger Meisters immer wahn witzigere Formen an nahm, die grabungs ar Beiten auf die Strassen Wiens aus zu dehen, weil irgend wo hier unter der Erde musste er schliesslich be graben sein.

Den gross Städtern fielen die vielen bau Stellen, die tag täglich mehr und mehr wurden, anfangs gar nicht so richtig auf und weil sie es ohne hin ge wohnt waren, mit ihren fahr Zeugen per manent im Stau zu stehen, kam es auf ein paar zu sätzliche Stunden der warter Ei nicht an.

Lieber im Stau stehen bei guter Musik aus dem Radio als den Stress am arbeits Platz oder zu Hause er tragen, sagte man sich und als die Staus be gannen, monstruöse di Mensionen an zu nehmen, stiegen eine Menge Leute, die früher auf die be Nutzung öffentlicher ver kehrs Mittel schworen, zu sätzlich und schein bar grund los auf’s Auto um und ver grösserten das Chaos.

Das Wolferl in dess ward immer noch nicht ge funden.

 

 

 

Der Song zur Folge.   

 

 

Zur ersten Folge.