Außenprotokoll

Die Streifzüge führen ihn, den Herrn Ösi, dessen Frau Doktor gebetsmühlenartig wiederholt „In die frische Luft, Sie müssen in die frische Luft, Herr Ösi, gehen Sie hinaus, die Bewegung in der Natur ist es, die Ihnen fehlt, nehmen Sie Ihren Rucksack, nehmen Sie Ihren Flachmann und gehen Sie in die Natur hinaus“ und also, Herr Ösi, gehorchend wie ein wohlerzogener Hund, dessen Rasse er vergessen, nimmt seinen Rucksack, nimmt seinen Flachmann… äh notgedrungen nicht, weil er keinen Flachmann besitzt und würde er einen Flachmann sein Eigen nennen, seine Befüllung würde ihm Kopfzerbrechen bereiten, denn, ein handelsüblicher Flachmann…
Stopp! Aufhören! Schluss! weist mich die Saftschubse energisch zu Recht? zurecht. Diesen Satz haben Sie bereits in Viechel gerahmt, Teil 1 als Eingangssequenz gewählt, Copy & Paste in Reinkultur und also ungültig, einen weiteren Beitrag, nämlich den vorliegenden, deckungsgleich mit dem selben und gebrauchten Satz zu beginnen. Schändlich sei es und einfallslos und so weiter und so fort.
Wie lange kennen wir uns schon, die Saftschubse und ich, grüble ich, dass wir uns immer noch siezen statt zu duzen? Unglaublich.
Den Stadtpark links liegen lassend schreite ich über den Pappelsteig, dessen Bretter unter meinen forschen Schritten knirschen… nein, eher pappeln beziehungsweise klappern. Endlich, nach einer halben Stunde stadtauswärts, eine Bank in Sicht, auf die ich erschöpft niedersinke. Die Friedhofsmauer im Rücken, denke ich an die Vergänglichkeit allen Seins. Ha! Der sonst so unbeschwerte Herr Ösi denkt auf einmal an das Ende, denke ich und erschrecke über mich selbst, als ich merke, dass ich mich nun sogar schon im Gedanken sieze. Komisch, im Alter wird man komisch, stelle ich fest. Schließe die Augen. Lausche der Stille. — Die es nicht wirklich gibt. — Das Vogelgezwitscher, ja, die Vöglein jubilieren, tirilieren, zwitschern vortrefflichst… auf die restlichen Geräusche kann man, könnte man gut verzichten, wenngleich sie nicht auszuschalten sind. Ich schnippe mit den Fingern, so, als blieben auf Kommando nur noch die Vogelstimmen übrig, als würde alles Restliche, alles Unnötige unverzüglich verstummen. Tut es nicht. Schade. Ich zücke mein Smartphone, wähle das Diktiergerät, drücke auf Aufnahme…

Viecherl gerahmt, Teil 3

Meist sind es Mauern, an denen er, der Künstler, wir nennen ihn, der Einfachheit halber, den Graffiteur, zeigt, wozu er imstande ist, mit all seinen bunten, glitzernden Spraydosen, seinem Genie, seiner oder nur DER KUNST, freien Lauf zu lassen, ob man ihn lässt oder nicht, nur selten sind es Autos, Busse oder Schiffe, die seinem Tatendrang zum Opfer fallen, und da Mauern, genauso wie Autos, Busse oder Schiffe einen Besitzer haben, der zur Stunde des nachtaktiven Graffiteurs bereits friedlich in den Federn schlummert, bekommt der künftige Besitzer eines wertvollen Graffitis erst am Morgen mit, welche Ehre ihm nächtens zuteil wurde, und anstatt in große Freude auszubrechen, Jubeltänze aufzuführen, ob dieser wundervollen Hinterlassenschaft, wird eins zwei drei, nein, eins eins null, die Polizei gerufen, zwecks Anzeige, umständlich aufwendiger Papierkram inklusive, die Polizei klingelt, wenn sie herbeigerufen, forscher, intensiver, beharrlicher als Nachbarn, Hausierer, Scherenschleifer und Mitarbeiter der Telekom, stets auf Kundenfang bedacht, es tun, sagt Herr Ösi, offenen Mundes staunend vor einem dieser Graffitis stehend, die sich bewundern, betatschen, ja, sogar fotografieren, aber nur schwerlich mitnehmen lassen, um sie daheim in die eigenen vier Wände zu integrieren, zu schade… zwar ließe sich, mit Privatleuten immer, er betont dieses immer, immer über eine Übernahme, nicht nur des Graffitis, sondern über die Übernahme der gesamten Liegenschaft diskutieren, den geforderten Kontostand freilich flux verfügbar… was bei öffentlichen Objekten, wie Autobahn- und Eisenbahnbrücken oder gar Tunnels, zwangsläufig auf die tauben Ohren einer starrköpfigen Beamtenschaft stößt, sofern man nicht über die nötigen Beziehungen verfügt, der Zustand des Bankkontos ist hierbei ohne Bedeutung, weiß er zu berichten… nur eins ist sicher wie das Amen im Gebet, die Welt splittet sich auf in zwei Kategorien: die erste, in die der Graffiteure und die zweite, in die der Profiteure… letztere sind Menschen wie die geneigten Leser des Ösiblogs, welche imstande sind, liebevoll zubereitete Graffitis kostenlos und frei von schädlichen Nebenwirkungen zu genießen…

Einheimische Graffittis / Fotos: Herr Ösi / Herbst 2021

Die Schwierigkeit ist, eine geeignete, weiße, noch jungfräuliche Außenfläche, sprich Mauer, zu finden, die noch nicht beschmiert die weder Freunden noch Bekannten gehört, wer möchte es sich schon wegen einer Kleinigkeit, wegen einer harmlosen Schmiererei, mit ihnen verscherzen? jawohl, niemand, ruhig gelegen, leicht erreichbar und doch zentrumsnah soll sie sein, an denen tagsüber Hundertschaften von Hausfrauen und oder Werktätige vorüberziehn, begierig, tief in die graffitale Kunst origineller Wandmalereien einzutauchen, wie beispielsweise Herr Ösi, von seiner Frau Doktor zu Bewegung in der Natur, an die frische Luft, hinausverdonnert, steht er, nach tagelangem, quasi sinnlosem Herumschweifen auf öden Feldern und dunklen, angrenzenden Wäldern, wo Fuchs und Henne gute Nacht sich sagen (kein Mensch hält auf Dauer diese Natur unbeschadet aus ohne überzuschnappen), steht er, der Herr Ösi, kaum in die Stadt zurückgekehrt, tief durchatmend, die abgasgeschwängerte Luft einsaugend, plötzlich vor dem Objekt seiner Begierde, einer noch tadellos weißen Mauer, die seine Aufmerksamkeit erregt, er kann sein Glück kaum fassen, untersucht das Gemäuer fachgerecht, streicht liebevoll über das makellose Weiß, nicht ahnend, dass eine alte, bösartig dreinblickende Zumsel, mit abscheulichen Lockenwickler in noch abscheulicheren Haaren, ihn oben, vom Fenster aus, seit einer geraumen Zeit, seit einer guten Viertelstunde misstrauisch beobachtet, wie er seinerseits die Mauer ausgiebig beobachtet und inspiziert.

Die Dunkelheit hereingebrochen, die Spraydosen, ein halbes Dutzend an der Zahl, sorgfältig aufgereiht, die ersten Versuche, Deckel ab, gut durchgeschüttelt, die Dose auf das Ziel gerichtet, Sprühknopf betätigt, fffffft, okay, absolviert… bricht er, bei Nacht und Nebel, lautlos das Haus verlassend, auf, zuerst verwirrt herum irrend, dann, plötzlich, zielgerichtet und wie magisch angezogen, ferngesteuert, einer willenlosen Marionette gleich, zieht sie ihn an, von weitem, die Mauer, seine Mauer, ruft ihn, lockt ihn wie ein lüstern‘ Weib nur locken kann, meine Mauer, meine Mauer, brabbelt er vor sich hin, sabbert ein wenig, er befindet sich in ihrem Bann, meine Mauer, meine Mauer, im Bann der Mauer, zweifellos. Männer, junge wie alte, befinden sich oft im Bann irgendwelcher Frauen, meist zauberhaft elfenartiger Wesen, zarte, durch die Lüfte schwebende Geschöpfe, anmutig anzusehen und stets durchsichtig bekleidet, im Negligée flattern die Schönen von Baumwipfel zu Baumwip…
Oops! Da steht sie aus dem Nichts vor ihm, die Angebetete, seine Angebetete, weiß und unbefleckt. Mit einer schwungvollen Verbeugung, wie nur edle Ritter sie beherrschen, kniet er nieder, Tataa!, lüftet einen imaginären Hut, federgeschmückt, versteht sich, ihr Referenz erweisend, wartet, wartet auf ein Wort von ihr, nur ein einziges Wort, bittebitte… vergeblich… gibt ihr, großzügig wie er nun mal ist, eine zweite Chance… sie schweigt… erneut beharrlich wie nur eine Mauer schweigt. Er erhebt sich, murmelt was in seinen Bart, der ihm vor Monaten abhanden kam (die nicht jugendfreie Übersetzung ersparen wir den Lesern), ergreift eine Spraydose und wiederholt das zu Hause sorgsam eingeübte Prozedere. Der Strahl schießt aus der Dose und entjungfert, fffffft, die überrascht wirkende von einer Laterne zaghaft angestrahlte Mauer. Er stockt. Wäre es nicht ratsam, sich vor Beginn der Sprayarbeit zu überlegen, was er denn da an eigentlich die Wand zu werfen gedenkt: einen Baum? einen Hund? ein Haus? – Egal, irgendwas wird es schon werden, denkt er zuversichtlich, und sein innerer Schweinehund, der es sich nicht hat nehmen lassen, ihn zu begleiten, assistiert ihm schwanzwedelnd und freudig erregt… äh sogleich, reicht ihm mal diese, mal jene Spraydose, und so schreitet das Kunstwerk zügig voran… Ein Hundebaumhaus? Iphigenie auf Tauris? Ein Hundehaufen? – Egal!
Dann… das Unerklärbare, das Unvermeidbare, das unerklärbar Unvermeidbare… sein innerer Schweinehund, reißt mit einem Mal die Spraydosen an sich und galoppiert, wie von einer Tarantel gestochen, von Dannen. „Hey, was soll das?“, ruft er ihm, dem inneren Schweinehund, jetzt zum üblen Sauhund mutiert, hinterher, den das Dunkel der Nacht bereits nach wenigen Metern verschlingt. Drei, vier, vielleicht fünf Sekunden später, Hundegebell, Stimmen, beides rasch anschwellend, lauter werdend, und schon schießen zwei Hunde, die er sofort als Bluthunde identifiziert, um die Ecke und mit Karacho auf ihn zu. Ihm stockt der Atem, sein Puls, schätzungsweise jenseits der 200, weiterhin ansteigend, ohne jeglichen Drehzahlbegrenzer, dennoch… geistesgegenwärtig genug, unverzüglich das Weite zu suchen, rennt er los, so schnell er kann, rennt um sein Leben, atemlos, hechelnd. Wäre er bloß jünger, fitter, hätte er das Joggen nicht vor Jahren eingestellt, dafür aber die täglichen Süßigkeiten, das Rauchen und und und (es hätte ihm nichts genützt), er blickt zurück, zwei Herren in Klamotten, wie üblicherweise nur Polizisten sie tragen, Halt! und Stop! und Stehenbleiben! rufend, weisen eine Laufgeschwindigkeit auf, die deutlich über der seinen liegt, die Hunde bellend, die Herren schreiend, die Lichter in den umliegenden Häusern angehend, er davonlaufend…
Wäre er zu Hause geblieben (wäre, wäre Fahrradkette), er hätte im Internet, auf Wikipedia oder wo auch immer nachlesen können, dass der Bluthund, obwohl ein Jagdhund, ein sanftmütiger, ruhiger und freundlicher Geselle ist, also, grüner Bereich, bei Bedarf jedoch zu Eigensinn neigt und, mit hervorragenden Spürsinn ausgestattet, imstande ist, kapitale Hirsche zu jagen und diese zu erlegen, also, deutlich roter, wenn nicht dunkelroter Bereich.
Es gibt Momente im Leben, in denen ist es völlig Wurscht, ob du Internet hast oder nicht… zum Beispiel, wenn zwei ausgewachsene Bluthunde dir an den Fersen kleben, dicht hinter dir und ready for take off zum Sprung ansetzen… nun ist Bluthund Nummer 1 in der Luft, gefolgt von Nummer 2, die Superzeitlupe ist während des gesamten Bluthund-Fluges angesagt, der Autor tippt aus Rücksicht auf seine Leser langsamer in die Tasten hinein als üblich, dadurch die Superzeitlupe erzeugend, die Leser werden gebeten, aus Sicherheitsgründen während des Fluges angeschnallt zu bleiben, die Saftschubsen haben das Verteilen von Speis und Trank eingestellt, der erste Bluthund, mittlerweile die optimale Reiseflughöhe erreicht, setzt an zum Wiedereintritt in die Erdatmosphäre hat den Scheitelpunkt erreicht, an dem es, z’erst auffi, dann abbi, wie der gebirgserprobte Wanderer zu sagen pflegt, wieder abwärts geht, landet punktgenau auf seinen Vorderpfoten, schnappt, nach erfolgreicher Landung und Schubumkehr nach dem Davoneilenden, verfehlt ihn aber so was von knapp – leider oder Gottseidank – je nachdem, auf wessen Seite man steht, verfehlt jedoch nicht die Hose, verbeißt sich in ihr, die mit lautem Ritsch-Ratsch zerreißt, der nun nicht mehr Davoneilende im Sturz, die Arme hilflos paddelnd in der Luft, herum fuchtelnd, als wollte er imaginäre Fliegen fangen oder verjagen, wie Fallende stets im Fallen, no na, Paddeln beziehungsweise herum fuchteln wie Verrückte – Psychologen könnten erklären, warum sie das tun, ich nicht – während sein Körper, also, der des Fallenden, der Schwerkraft folgend, immer noch paddelnd zu Boden kracht.
Wrawumm!!!
Danach Stille. Völlige Finsternis. Aus. Et cetera.

Viecherl gerahmt, Teil 2

Mit dem Pfiff des Schaffners aus der Trillerpfeife, die der eines Schiedsrichters der Bundesliga, der ersten oder der zweiten, wie er glaubt, zum Verwechseln ähnlich sieht, nicht bloß vom Aussehen, selbst der Ton ist von jener schrillen Sorte, die keinen Widerspruch erlaubt und die Sportler, egal, was immer sie tun, augenblicklich erstarren lässt, zu Salzsäure, wie man sagt, in ihren Bewegungen und automatisierten Abläufen, mit jenem Pfiff des Schaffners also, setzt sich der Zug auf Bahnsteig 5, Gleis 6 oder 7, in Bewegung, langsam die Station verlassend „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus…“ und wäre er, der Herr Ösi, anwesend gewesen, er hätte die Frau Doktor sehen können, die, ihrerseits am Bahnsteig stehend, erschienen war, zu prüfen, ob er, ihr Patient, Herr Ösi, wie empfehlend befohlen, das Angebot einer Zugfahrt in die Natur hinaus in Anspruch nehmen würde, was er nicht tat, da er, wie wir wissen, letzthin beim Hinausgehen aus dem Ordinationszimmer die Anordnung verworfen hatte, sich dieser Empfehlung zu unterwerfen, gleichzeitig, jetzt zu Hause in der warmen Stube sitzend, sich fragt, ob sie denn, die Frau Doktor, sich tatsächlich am Bahnsteig eingefunden hat oder ob er es nur denkt… unter dem Motto „Sie müssen ihren Arsch bewegen, Herr Ösi“, was sie freilich sooo nicht gesagt, mit Sicherheit aber gedacht hat, beziehungsweise, viel wahrscheinlicher, denkt er, wäre, sie ist nicht am Bahnsteig erschienen, sondern ebenfalls zu Hause in ihrer warmen Stube geblieben, hätte sich gesagt, besser daheim, als sich den wohlverdienten Sonntag versauen lassen auf herbstlich zugigen Bahnsteigen, bloß um zu überprüfen, ob dieser Herr Ösi, tatsächlich den von ihr vorgeschriebenen Zug in die Natur hinaus nimmt oder nicht, nein, würde sie zu sich sagen, denkt Herr Ösi, einem Patienten nachzuspionieren wäre nicht die elegante Art, einen zugegeben grauen Sonntag, noch nicht alt, vernünftig zu Grabe zu tragen.

Der Zug hält abrupt, so, als hätte sich, die Weiterfahrt verhindernd, ein Prellbock ihm unvermittelt in den Weg gestellt, die Fahrgäste purzeln wie unkoordinierte Kegel durch die Waggons, gefolgt von der Ansage, „Pottenstein! Pottenstein! Der Zug endet hiel! Bitte alle aussteigen!“ in fast tadellosem Deutsch, sieht man ab von dem „hiel“, welches eigentlich „hier“ heißen müsste und ja, diese Ansage ist der ganze Stolz des örtlichen Bahnhofvorstands, welcher, vor Jahren urlaubsmäßig unterwegs im fernen China, einen Marktschreier aus Chongqing, einen gewissen Wang, auch „der laute Wang“ genannt, dazu überreden konnte, wobei mitgebrachte Euroscheine sich als überaus nützlich erwiesen, die bis dato ins Mikrophon gesprochene Pottenstein’sche Bahnhofsansage auf Band aufzusprechen, nicht ganz perfekt, jedoch mit fernöstlichem Charme und zu einem Preis, der inländische Bahnhofsansagesprecher asbachuralt ausschauen lässt, der Preis bestimmt, wie und wo es lang geht, ach so, durch die sich öffnenden Türen hinaus ins Freie, in die herrlich lockende Herbstnatur gefallener oder fallender Blätter… die Männer, welche während der Fahrt ihre Flachmänner unter ständigem Zuprosten aufs schnellste geleert, verabschieden sich eilfertig von ihren Frauen und Kindern, wünschen ihnen ein vergnügliches und unfallfreies Wandern und torkeln, in der Hoffnung, für einige Stunden ungestört unter ihresgleichen zu sein, in die 10 Meter entfernte Bahnhofskneipe samt Flachmann-Ladestation hinein, die, von dem uns bereits bekannten Bahnhofvorstand betrieben, mit rescher Volksmusik die Gehfaulen zum Frühschoppen anzieht wie die Motten das Licht… äh nein, umgekehrt… Prost!

Mit dem Läuten der Kirchenglocken schreckt er hoch, der Herr Ösi, aber es ist nicht das vertraute, das gewohnte, das südliche Bimmeln, welches er so gern hört, sondern es ist ein unbekanntes, ein nördliches, ein, genau gesagt, nordöstliches Geläut Pottenstein’scher Mittagsglocken, welches ihn aus dem Schlaf reißt, pünktlich zu Mittag und kaum erwacht, nimmt das Geläut, wie von Zauberhand geführt, die geliebte südliche Klangfarbe an… nicht dass er was hätte, gegen das nördliche Gebimmel, es hat seinen Reiz, zweifellos, besonders wenn die Kirche im Dorf steht, was sie meistens tut, und dieses Dorf von Bergen umringt wird, was nicht selbstverständlich ist, dann klingen Kirchenglocken, durch umliegende Berge eingeengt, naturgemäß schroffer, härter, sie tönen kräftiger, mit blechernem Beigeschmack als im Flachen befindliche Gotteshäuser, deren Geläut, frei vom Widerstand begrenzender Berge, sich ungehindert über Wiesen und Flure ausbreitet, fröhlich hüpfend über Stock und über Stein… oh nein!, den ganzen Vormittag hat er verpennt, obschon die Natur ihn rief, ein Kerl, neben ihm auf dem Sofa liegend, schnarcht ungeniert… ch ch… ch ch… ch ch… er stupst ihn an, seinen inneren Schweinehund, welcher mühsam erwacht „Ey, wach auf, wir haben unseren Zug verpasst“, „… den du“, sagt der innere Schweinehund gähnend sich wieder zur Seite wendend „… ohnehin nie hättest nehmen wollen“ und schläft auf der Stelle ein.

Anmerkung des Autors: Pottenstein, in der Fränkischen Schweiz gelegen, ist zwar real existent, eine entsprechende Bahntrasse dahin samt Endbahnhof müsste jedoch erst gebaut werden.

Viecherl gerahmt, Teil 1

Die Streifzüge führen ihn, den Herrn Ösi, dessen Frau Doktor gebetsmühlenartig wiederholt „In die frische Luft, Sie müssen in die frische Luft, Herr Ösi, gehen Sie hinaus, die Bewegung in der Natur ist es, die Ihnen fehlt, nehmen Sie Ihren Rucksack, nehmen Sie Ihren Flachmann und gehen Sie in die Natur hinaus“ und also, Herr Ösi, gehorchend wie ein wohlerzogener Hund, dessen Rasse er vergessen, nimmt seinen Rucksack, nimmt seinen Flachmann… äh notgedrungen nicht, weil er keinen Flachmann besitzt und würde er einen Flachmann sein Eigen nennen, seine Befüllung würde ihm Kopfzerbrechen bereiten, denn, ein handelsüblicher Flachmann ist so flach, sein Inhalt so gering, er müsste klarerweise mit Hochprozentigem bis Höchstprozentigem, wenn nicht gar mit HöXXXtprozentigem gefüllt sein, die Flachheit des Flachmanns berücksichtigend, die mit seinem geringen Volumen einhergeht, dass es regelrecht sinnlos wäre, ihn, den Flachmann, mit Flüssigkeiten zu befüllen, die gemeinhin aus diversen Wasserhähnen zumeist kostenlos tropfen und am besten in großvolumige Behältnisse passen, die man draußen, erstmal erschöpft von der vielen Natur, mit ordentlich herzhaften Schlucken aus dem großvolumigen Behältnis, Plastikflasche traut er sich, in grauen Tagen wie diesen, nicht sagen, zu sich nimmt, statt ein zaghaftes Nippen an einem höchst unterdimensionierten Flachmann, dessen Inhalt, XXXL-prozentig und überaus gefährlich, dem wackeren Wanderer unverzüglich in die von der herbstlichen Natur vorgeschädigten Birne schießt, sein Gehirn vernebelt, verschleiert und ihn womöglich von seinen Streifzügen, die er im Begriffe ist abzuhalten, abhält.
Das Ordinationszimmer verlassend, die Hand auf der Türklinke, hat sie ihm nachgerufen „Nehmen Sie den Zug, Herr Ösi, setzen Sie sich in einen Zug hinein…“, wie es eine gewissenhafte und umweltbewusste Frau Doktor, die sie zweifellos ist, jedem Patienten empfiehlt, den Zug zu nehmen und nicht das Auto, wenn es darum geht, in die Natur hinaus zu gehen beziehungsweise hinaus zu fahren zwecks Bewegung, schon weil das Hinausfahren in die Natur naturgemäß mit einem Flachmann im Rucksack nicht die allerbeste Lösung ist, schon gar nicht, wenn man selbst hinterm Steuer sitzt, aber zu diesem Zeitpunkt konnte sie nicht wissen, im Gegensatz zum Leser, dass Herr Ösi keinen Flachmann besitzt, sich auch zu Weihnachten keinen wünscht, zu Ostern detto nicht und als er die Türklinke nach unten drückt, denkt er leicht vorwurfsvoll „Frau Doktor! Frau Doktor!“, sich wundernd, dass sie ihm einen Flachmannbesitz unterstellt, als wäre er ein dahergelaufenen Säufer, der mit roter Schnapsnase besoffen ins Ordinationszimmer wackelt, grübelt kurz, was sie wohl über ihn denkt und sagt von dankenden und verabschiedenden Floskeln begleitet „In den Zug hinein, ich setze mich in den Zug hinein…“, schließt die Tür sorgsam hinter sich, tief durchatmend und verwirft auf der Stelle noch im Hinausgehen die Empfehlung, mit dem Zug zu reisen, zumal er ja keinen Flachmann besitzt und sich fragt, ob das Besteigen von Zügen ohne Flachmänner überhaupt gestattet ist.

Auf dem Nachhauseweg, zu Fuß selbstverständlich, denkt Herr Ösi, wie die ersten beiden Sätze wohl in Form zu bringen wären, ist sich gewiss, einmal vor dem Computer sitzend, das eben Gedachte nicht so niederschreiben zu können, wie er es sich, jetzt noch im Gehen, wünscht, in klaren und verständlichen Sätzen, dass später beim Tippen der Worte in die Maschine, seine Befürchtung eintreffen könnte, der Text würde mit dem Aufschließen der Haustür verfliegen, so, als wäre er ihm nie erschienen, ffffffft, einfach weg, er stünde da ohne Text, bloß der Titel „Viecherl gerahmt“ bliebe mutterseelenalleine im Raum, was nach dem fiktiven Lesen der ersten beiden Sätze, vorausgesetzt, er würde sie einigermaßen hinbekommen, nicht nur verwirrend, sondern regelrecht deppert klingen würde, man müsste davon ausgehen, die Geschichte wäre zu Ende, noch ehe sie begonnen, was freilich ein Unding… und selbst die Überlegung, den Titel „Viecherl gerahmt“ meinetwegen in „Viecherl gerammt“ umzubenennen, was zwar ein Leichtes wäre, dem Ganzen einen gewissen machohaften Stempel aufzudrücken, würde eher zur Verwirrung des Lesers als zur irgendeiner Aufklärung beitragen, abgesehen davon, dass erstmal ein Viecherl gerammt werden müsste anstatt gerahmt, was Herr Ösi, die Rahmenbedingungen der Rahmenhandlung klar vor dem geistigen Auge, nicht verantworten kann und so plant er, warum nicht, kurzerhand eine Fortsetzung.

Herr…Bssst


Holla Re Dulli Dulli E
fällt im Herrbssst scho der Schnee
sichst koa Blätta, koa Laub
moch di schnö aus’m Staub

Kraxl aufi aum Berg
sei ned feig, sei koa Zwerg
los unt’n dei Kraxn
kreu aufi mit die Haxn

Holla Re Dulli Dulli E
bist o’m auf da He‘
san’d Blätta no do
sammel’s ein und sei froh

(Diese Weisheit zum 1. November wurde dir von Herrn Ösi präsentiert)

Lyrikstunde

In unserer heutigen Lyrikstunde verlassen wir die muffige Stadt und gehen hinaus aufs luftige Land. Die letzte Ampel, gerade aus, dann rechts ab, den Hügel hinan und so weiter. Die Politik und das hektische Weltgeschehen lassen wir in den Fernsehgeräten und Rundfunkapparaten zurück. Et non, je ne suis pas Charlie, je suis Ösi.

Hier, wo Fux und Henne sich gute Nacht sagen, ist die Welt noch in Ordnung, glauben wir zumindest oder auch nicht.

Peter Rosegger, Karl Heinrich Waggerl und Werner Schwab, die großen alpenländischen Heimatdichter, schauen von ihrer Wolke herunter und geben den Landwirten gute Ratschläge, die freilich keiner hören will.
Hans Moser, der alte Nuschler, trällert ein Wienerlied, ungefragt und obwohl er es nicht nötig hätte.

Herr Ösi, überwältigt von so viel Natur und Prominenz auf einen Haufen, beginnt zu dichten …

Der Adel odelt
der Dodel dodelt
das Fadl rodelt

Odelt der Adel
rodelt das Fadl
dodelt das Madl

dann haut das Madel
die große Nadel
dem rosa Fadl
seitlich ins Wadl

sind es Hormone
nicht um die Bohne
sss‘ Christl Meth
das Fadl schaut bled

wir tun dir mästen
weil nur die Besten
Fadl auf Drogen
in hohem Bogen

das Fadl war Adel
in frühen Zeiten
heute der Adel
er macht auf Fadl

Synthetisch die Kuh
gib endlich Ruh
der Bauer braut Raps
& trinkt aus den Schnaps

er fahrt mit dem Trecker
hinaus auf die Äcker
schifft auf die Felder
hierfür gibt’s Gelder

nicht effizient
Agrarreform verpennt
in Saus & Braus
das macht es aus

im Stall die Kuh
seufzt leise Muh
und du … du du
dazu uhu

ständig will der Bauern-Knilch
aus der Kuh heraus die Milch
fliegen Fliegen im wilden Tanz
um die Kuh und ihren Schwanz

die Milch sie spritzt in hohem Bogen
aus ihr heraus ganz ungelogen
ist die Kuh erst links gedreht
ist’s für den Bauern schon zu spät

Gut, die literarische Eleganz oben genannter Herrschaften wird in diesem Poem nicht ganz erreicht. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb hat es dem Herrn Marcel Reich-Ranicki, wie den unten stehenden Kommentaren zu entnehmen ist, besonders gut gefallen.

Bundesdeutschen LeserInnen sei erklärt, dass ein Fadl ein Ferkel ist. Der Rest ergibt sich von selbst.