Herr Ösi checkt den Sound

Das Problem ist immer das selbe. Oder sagt man das gleiche? Egal. Angenommen du gehst in ein Konzert. Du gehst hinein und wartest. Bevor das Konzert beginnt, musst du warten. Ohne Warten geht es nicht. Zumindest nicht im Konzert. Oder du kommst zu spät. Platzt mitten in die Vorstellung hinein. Aber davon ist heute nicht die Rede. Heute bist du pünktlich. Nimmst Platz oder bleibst stehen. Je nachdem. Die Musiker im Orchestergraben oder auf der Bühne – je nachdem – stimmen ihre Instrumente. Das dauert. Bevor sie nicht ihre Instrumente justiert haben, geht es nicht los. Kann es nicht losgehen. Macht nix. Du hast ja bezahlt. Die Wartezeit, bevor die Musik losgeht, losgehen kann, ist im Konzertpreis inbegriffen. Sie steht dir zu. Außer… du kommst zu spät. Dann gibt es klarerweise keine Wartezeit, wenn die Musik bereits im vollen Gange. Dann, dies sollte dir klar sein, dann müsste man dir einen Preisnachlass gewähren. Eigentlich. Und gerechterweise. Wenn du zu spät kommst. Weil die Wartezeit, die dir vom Gesetz her zusteht, hättest du durch dein Zuspätkommen ja verpasst. Aber wie gesagt, heute nicht. Heute bist du pünktlich. Die Musiker, wo immer sie sich befinden, oben oder unten, stimmen ihre Instrumente. Und jetzt –
Problem. Großes Problem! Das Wirrwarr der Stimmen. Die Leute plaudern. Ungeniert. In voller Lautstärke. Plärren was das Zeug hält. Erzählen sich den größten Stuss. Unten im Orchestergraben geigen derweilen die ersten Geiger. Celliern stimmend die Cellisten. Bratscherln fiedelblogendschwingend die Bratschisten. Das Publikum nimmt davon keine Notiz. Es ist mit sich selbst beschäftigt. Auf der Bühne lässt der Gitarrist sein Instrument krachen, drischt der Drummer auf die Trommeln ein. Der Sänger sagt Eins, Zwei, Eins, Zwei, Eins, Zwei ins Mikrofon hinein. Niemand außer dir scheint zu checken, dass gerade der Soundcheck läuft. Hey! Ruhe im Saal! würdest du am liebsten brüllen. Die Ignoranten um dich ignorieren dein virtuelles Brüllen. Ein gekonntes Gitarrenriff lässt den Saal erzittern. Wahnsinn! Diese Präsenz, dieses Aufjaulen der Gitarre hörst du später, wenn der Soundcheck beendet ist, nie nie wieder. Deshalb ist der Soundcheck der eigentliche Höhepunkt eines jeden Konzerts. Was nach dem Soundcheck kommt, kannst du getrost vergessen, ist einfach weichgespülte Musik. Zwar harmonisch abgerundet. Aber schmerzhaft für jedes Kennerohr. Die Musik ist langweilig und entsetzlich. Kurz: entsetzlich langweilig.
Mal Hand aufs Herz: Wir verachten diese Musik. Diese Musik ohne Ecken ohne Kanten, diese perfekten, harmonisch niedergebügelten Töne, diese sanften Übergänge der Melodien. In Wirklichkeit warten wir auf den Schnitzer eines Musikanten, hoffen, er möge sich „verspielen“, warten auf die schrägen, auf die falschen Töne. Doch die Musiker erfüllen uns unsere Wüsche nicht. Jahrzehntelang wurden sie ausgebildet, geschult, gequält, domptiert und manipuliert, nur ja keinen falschen Ton zu erzeugen. Man bedroht sie mit dem Rauswurf aus dem Orchester, aus der Band, sollten sie sich erdreisten, einen nicht genehmigten, einen falschen Ton ihrem Instrument zu entlocken. Sich nur keinen musikalischen Furz erlauben, wie es in der Fachsprache heißt. Die einzige Freude, die den Musikern in ihrem jämmerlichen Dasein bleibt, ist der Soundcheck. Hier dürfen sie… dürfen sein, wie sie sind. Dürfen nach Belieben furzen. Hier blühen sie tatsächlich auf. Zeigen, was in ihnen steckt, zeigen Spielfreude und Individualität… bis, nun ja, bis das Konzert beginnt. Mit dem Konzertbeginn verabschiedet sich jegliche Kreativität.

Herr Ösi und seine virtuelle Band The Ösettes haben diese Jahrhundert alte Diskrepanz zwischen dem Soundcheck und dem nachfolgenden Konzert erkannt. Mit dem Mini-Album „Soundcheck“ veröffentlichen sie nun Essenzielles, das, worauf es ankommt…

Stop Smoking

Die moderne Biotechnologie macht es möglich. Herr Ösi ist mit einer Maus schwanger. Weshalb er unverzüglich das Rauchen einstellt…

Tja, der endlose Lockdown fordert seinen Tribut.

Concerto con il mouse

Geschafft! Mit einem Knall fällt die Tür hinter mir ins Schloss. Draußen Sauwetter. April 2021. Begossen wie ein Pudel stehe ich im Flur. Wer sich bei diesen Temperaturen keine Erkältung holen will, braucht ein gutes Immunsystem. Ich friere. Erschöpft sinke ich aufs Sofa. Gleich das Handy. Was steht an? Putzen. Frühjahrsputz. Mit drei !!! Ich schnaufe. Aber okay. Bei diesem Wetter, bei dem du keinen Hund aus dem Haus jagst, schon gar nicht den, den du nicht besitzt, bei diesem Wetter ist Frühjahrsputz angesagt. Beste Gelegenheit. Noch dazu, weil der letzte Putz im Vorjahr wegen Schönwetter ausfallen durfte, nein, musste.
Zuerst den Boden schrubben. Dann die Möbel. Ja nein, nicht schrubben, die Möbel abstauben. Den Franzi nicht verschrecken. Steht so in der To-do-Liste. Sind genügend Putzmittel im Haus? Dies zu überprüfen, müsste ich mich erheben und in die Küche. Ich bleibe sitzen. Frosch. Neutral Reiniger. Müsste da sein. Wurde ja 2020 nicht gebraucht. Ph-neutral. Hautschonend. Ein Rechtschreibfehler. Müsste es nicht BH-neutral heißen? Alles kleiner als Körbchengröße D ist BH-neural. F natürlich jenseits aller Neutralität. Ich lache über diesen Unsinn. Noch ein paar Minuten. Genehmige mir fünf weitere. Minuten Pause eben. Wie schön sitzen sein kann. Regen prasselt ans Fenster. Die Beine ausgestreckt. Zuerst mit Swiffer-Tüchern den Staub auffangen, denke ich. Dann nass drüber wischen. Würde ich einen Blog-Beitrag verfassen, dürfte ich die Swiffer-Tücher erwähnen? Das ist die Frage. Müsste ich sie nicht umbenennen? Der unzulässigen Werbung wegen?
Beinah eingeschlafen läutet das Handy. Ich geh ran, nenne meinen Namen. „W Punkt Schmidt“, sagt der Anrufer. Stille. Nach einer Weile. „Anwaltbüro W Punkt Schmidt“ „Ich lausche“, sage ich und lausche. „Es geht um ihren letzten Blog Beitrag.“ „Ach so, um die Blockchain. Ich hoffe, sie fanden das Posting amüsant.“ „Nicht die Blockchain“, sagt W Punkt Schmidt, „es geht um ihren noch nicht veröffentlichen Beitrag.“ „Der wäre?“ „Seien sie nicht albern.“ „Ich muss sie bitten!“ „Die Swiffer-Tücher! Sagt ihnen das was?“ „Gerade dachte ich, ob ich sie verwenden darf. Also, im Haushalt, natürlich schon. Aber im Blog-Beitrag…“ „Nein, dürfen sie nicht.“ „Woher wissen sie…“ „Es ist mein Job. Meine Aufgabe ist es, einzugreifen, bevor strafbare Handlungen begangen werden. Nehmen sie von den Swiffer-Tüchern Abstand.“ Ich sitze verblüfft da und überlege, wer zuerst aufgelegt hat. W Punkt Schmidt oder ich?
Gestresst klappe ich den Laptop auf. Virtual Piano. Klimpern beruhigt mich. Entweder du nimmst die Finger, tust so, als würdest du maschinschreiben. Oder die Maus, wenn du es langsam angehen lassen willst. Ein Mausklick. Ein Ton. Noch einer. Noch ein Ton. Und so weiter. Eher für Minimalisten geeignet. Heute Maus. Bereits der erste Ton kommt richtig gut. Er gefällt mir. Schlag ihn noch drei Mal an. Pause. Und ein viertes Mal. Eins ist klar. In der Verfassung, in der ich mich befinde, werde ich nur wenig Töne benötigen. Zwei Tasten weiter, Richtung Rechts, werde ich fündig. Danach Wiederholung des ersten Tons. Klingt gut. Klingt ausgezeichnet. Den Fehler, den viele Komponisten begehen, ist, zu viele Töne in die Musik reinzupacken. Der Regen wird stärker. Mozart bestes Beispiel dafür. Klar, begabt war er. Keine Frage. Aber! Mit den Tönen, die er hätte einsparen können, um sie anderweitig einzubringen, wäre es ein Leichtes gewesen, die Anzahl seiner Werke zu verdoppeln. Der Fokus, sage ich. Verlier den Fokus nicht. Nie! Den Fokus nicht aus den Augen verlieren. Während ich über die Sinnhaftigkeit eines weiteren Tones nachdenke, fällt mir was anderes ein. Was Wesentliches. Ich wiederhole das Stück. Einmal mit den zwei verschiedenen Tönen. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Dann, aus Spaß, mit einem neuen, einem dritten Ton. Tja, ich weiß nicht. Die einen werden sagen, zwei Töne sind für mich ausreichend. Viel mehr überfordern mich. Andere wieder werden drei Töne bevorzugen. Oder mehr. Als Komponist hast du’s schwer. Bist der Depp. Irgendwo ist immer einer, der meckert. Dem du es nicht Recht machen kannst. Egal, welchen Ton du anschlägst. Von Musikkritikern ganz zu schweigen. Die sind die Pest.
Draußen erscheint die Sonne. April. April. Macht was er will. Ich beginne von vorn. Mit einem helleren Ton. Dem Wetter entsprechend. Jetzt, im fortgeschrittenen Stadium der Komposition, ist es an der Zeit, einen, um nicht zu sagen, DEN geeigneten Musiktitel zu finden. Falsch wäre zu sagen, Symphonie N° 3, 4, 5 etcetera. Früher, ja. Früher ging das. Heute nicht mehr. Der Titel ist wichtig. Wichtiger als die Musik. Yesterday zum Beispiel. One day ago, wäre grauenhaft gewesen. Da hätten die Jungs gleich einpacken und nach Hause gehen können. Und Klempner werden. Oder Hausarzt. Nix gegen Klempner und Hausärzte. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Never change a winning team. Bin äußerst zufrieden. Die Melodie ist einprägsam. Kommt gut an. Irgendwas mit Concerto im Titel muss es sein. Natürlich Kontscherto gesprochen. Italienisch bietet sich an. Naturalmente. Ist es ein Klavierstück, ist Concerto im Titel unumgänglich. Concerto mit Maus vielleicht. Du gibst dem Hörer was an die Hand. Mit dem er was anfangen kann. Oder, noch besser, ins Ohr. Concert with mouse? Nein. Klingt entsetzlich. Horrible. Concierto con raton? Ist um nix besser. Concert avec la souris? Okay, akzeptabel. Concerto con il mouse? Si! Perfetto! Besser geht es nicht. Läuft runter wie ein Barolo Riserva. Jahrgang egal. Umschmeichelt den Gaumen. Vorzüglichst im Abgang. That’s it.
Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Nehme ich ein Ta raus? Das vierte? Ich versuche es. Ta-TaTa-Ta-Ti-Ta Die Sonne blinzelt durchs Fenster. Auf einmal richtiges Frühlingswetter. Eigentlich sollte ich raus. In die Sonne. Die Sonnenstrahlen genießen. Wie habe ich sie vermisst. Einmal den Laptop aufgeklappt, kann ich mich nur schwer von ihm lösen. Das ist mein Problem. Ich gebe mir noch eine Stunde. Was ist schon das schon? Eine Stunde. Nichts, im Vergleich zur Ewigkeit. Der Frühjahrsputz kann warten. Muss warten. Die Sonne nicht. Morgen. Morgen ist auch ein Tag. Die Natur ist wichtiger. Franzi wird es mir danken. Er liebt die Ruhe. Verabscheut das Putzen. An mein Geklimper hat er sich gewöhnt. Ans Putzen nicht. So sind Weberknechte. Ich gebe das Ta wieder dazu. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Besser so? Das ist die Frage. Ich nehme es wieder raus, das Ta, probiere das Stück vom Anfang an, um es gleich wieder hinzuzufügen. Diese Entscheidungen! Ich verabscheue sie. Diese ständigen Entscheidungen. Gebe ich einen Ton dazu? Nehme ich einen weg? Verändere ich ihn gar? Entscheidungen über Entscheidungen. Ich hasse sie. Sie machen mich verrückt. Bringen mich aus dem Gleichgewicht. Warum kann die Welt nicht stillstehen? Ein bisschen zumindest. Etwa für ein Jahr. Das wär schon was. Für den Anfang. Ist das zu viel verlangt? Ein ganzes Jahr. Ohne eine einzige Entscheidung zu treffen. Treffen zu müssen. Stillstand. Wunderbar. Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Kleine Lockerungsübung zwischendurch. Den Mausfinger geschmeidig halten. Ohne ihn geht es nicht. Der Mausfinger macht die Musik. Heutzutage zumindest. Mozart spielte mit allen zehn. Ich mit einem. Das ist Effizienz.
Rückblickend sage ich, die Aufnahmeprüfung ans Musikkonservatorium in Wien total vergeigt. Ohne Geige. Total vergeigt. Ich saß am Flügel. Ein Bösendorfer war’s. Vor mir die Prüfungskommission. Strenge Blicke. Man bat mich zu spielen. Ta-Ta-Ta-Ta-Ta-Ta-Ta Oder war es Ti-Ti-Ti-Ti-Ti? Egal. Wie auch immer. Ich spielte nur einen Ton. Permanent ein und denselben Ton. Bereits damals der Hang zur Vereinfachung. Zum Minimalismus. Unverkennbar. Welcher Ton es war? Keine Ahnung. Die Erinnerung fehlt. Es war eine der weißen Tasten. Soviel ist sicher. „Aufhören! Aufhören!“, rief man im Saal. Ich spielte unbeirrt weiter. Die Entscheidung, mich entschieden gegen Entscheidungen zu stemmen, nahm ihren Anfang. Lang liegt es zurück. Jahrzehnte. Heute wäre ich mit meiner Musik ein gefeierter Pianist. Schon damals war ich meiner Zeit voraus. Die Royal Albert Hall, die Carnegie Hall und wie sie alle heißen, würden sich um mich reißen. Komplette Konzerte würde ich mit nur einem Ton absolvieren. Zwei Stunden ein und denselber Ton. Mit dem Mausfinger. Das Publikum enthusiastisch applaudierend. Aus dem Häuschen. Dann, vielleicht später, bei der Draufgabe, einen anderen Ton. Du darfst das Publikum nicht zu sehr verwöhnen. Musst ihm zeigen, wer der Chef ist, im Ring.
Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Aufkeimende Zweifel. Bleibe ich dabei oder werfe ich das Stück über den Haufen? Beginne gänzlich neu? Quasi Tabula rasa. Ich weiß es nicht. Kann mich nicht entscheiden. Den Titel habe ich bereits. Er ist das Wichtigste. Die Töne… na ja. Austauschbar. Beliebig austauschbar. Tosender Regen holt mich in die Wirklichkeit zurück. Blicke zum Fenster. Draußen strömender Regen. Grau in grau. April halt. Ich bleibe zu Hause. Bin erschöpft. Lege mich auf die Couch und schließe die Augen. Für den Frühjahrsputz ist es ohnehin zu spät…

Blockchain

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Der Berg ruft

Jungbrunnen

Eigentlich sollte müsste könnte er mit sich selbst zufrieden sein. Wer? Der Herr Ösi. Der störende Watzmann wurde noch vor Ablauf der Jahresfrist entfernt. Wir berichteten darüber. Keine Frage, jetzt sieht er aus wie einer, der in Abu Ghraib gefoltert wurde. Eine tiefrote Narbe zieht sich in Schlangenlinien über die rechte Schulter. Geil! wie die Jüngeren zu sagen pflegen. Auf jeden Fall männlich. A hoata Hund, sozusagen. Wenngleich… nun ja. Wir verzichten an dieser Stelle auf die Einblendung entsprechender Fotos.

Nach dem Ausbessern dieser Unpässlichkeit entdeckt Herr Ösi sogleich eine neue. Nebenbei bemerkt, der entfernte Batzen Fleisch, nicht gerade klein wie die Bezeichnung Watzmann bekräftigt, wurde analysiert und als harmlos eingestuft. So weit, so gut. Hat man ihm diese, seine Trophäe, wie es sich gehören würde, per Post oder DHL zugeschickt? Mitnichten. Die Damen und Herren Analysten von der Fleischprobe, so seine Vermutung, haben sich damit einen schmackhaften Weihnachtsbraten zubereitet. Gut, sollen sie. Er gönnt es ihnen von Herzen und hofft, dass es mit der entsprechenden Beilage gemundet hat. Einerseits natürlich überglücklich, im neuen Jahr nicht mehr auszuschauen wie der Glöckner von Notre-Dame, quasi wie Quasimodo, gibt ihm ein anderer Umstand Anlass zur Sorge.

Er altert. Er schaut in den Spiegel und merkt, dass er altert. Jeden Tag ein bisschen. Klar wirst du sagen, es ist völlig normal zu altern, wir altern alle. Was will er denn, dieser Herr Ösi? Ewige Jugend? Oder was? Benebelt vom Jugendwahn unserer Zeit, hat er, obwohl lang dagegen gehalten, sich letztendlich mitreißen lassen, hat, vom Unsinn unserer Epoche infiziert, sich fast nicht mehr in den Spiegel schauen getraut, weil, ob du’s glaubst oder nicht, steter Tropfen höhlt den Stein und beim Blick in den Spiegel ist er unweigerlich einen Schritt zurückgewichen. Das half, seiner Kurzsichtigkeit sei Dank, die Falten in abgeschwächter Form wahrzunehmen. Und dennoch… die Unzufriedenheit über das Altern blieb.

Sie blieb bis er in den Jungbrunnen fiel. Es war mehr oder weniger ein Versehen. Und schwupp! Schon lag er drinnen. Im Jungbrunnen. Fluchte zunächst. Verständlich. Die Klamotten in Nullkommanix durchnässt. Von trocken auf nass in weniger als einer Sekunde. Herrschaftszeiten! Geistesgegenwärtig begann er mit Schwimmbewegungen. Vergeblich. Obwohl seit jeher ein tadelloser Schwimmer, mühte er sich umsonst. Brustschwimmen ging nicht. Kraulen, Fehlanzeige. Damenbrustkraulen, nix. Egal, welche Bewegung er versuchte auszuführen, es ging und ging nicht. Weil Begrenzung, sprich eine einengende Enge. (Ein jeder, der schon einmal in einen Brunnen hineingefallen ist, weiß wovon ich rede. Dürften aber die wenigsten meiner Lesersterncheninnen sein.)
In der Literatur oder in Gemälden wird der Jungbrunnen als weitläufiges Becken dargestellt, in dem sich zierliche Nixlein mit gut aussehenden Jünglingen vorzugsweise nackt vergnügen.
So ein Schmarren! Der Jungbrunnen ist in Wirklichkeit nicht breiter als meine Badewanne. Und zum Glück auch nicht tiefer. Die Schwimmversuche in ihm kannst du dir getrost sparen. Der Ösi hat das blitzschnell gekneißt (oder heißt es geknissen und er hat das Ösische verlernt?) und die entsprechenden Schritte eingeleitet. Nämlich keine. Bloß ein bisschen umständlich war es schon, wieder aus dem Wasser zu steigen. Das hat gedauert. Das Alter halt. Dann, zufällig ein Blick in den Spiegel. Boah! Er war baff! Beinah hätte es ihn aus den Socken gehauen, die freilich immer noch nass…

Das Resultat kann sich durchaus sehen lassen.  😉

Vorher / Nachher
Herr Ösi wieder in der Spur
kurz nach der Verjüngungskur
Fotos… ebendieser

System Error

Jeder, der jetzt bei SYSTEM ERROR eine System-Kritik erwartet, den muss ich enttäuschen. Obwohl! Angebracht wäre sie schon, die System-Kritik. Vielleicht beim nächsten Mal. Ich merk‘ sie mir vor. Heute sind wir im Reich der Musik. Mal wieder. Musik bereitet in der Regel Freude. Also, meist dann, wenn wir nicht über die Oper sprechen. Obwohl! Das ist nun das zweite… äh pardon, das dritte Obwohl! in kürzester Zeit und natürlich gibt es den geneigten Opernfreund, den, der die Klassische Musik zu schätzen weiß, wie Herr Ösi (opernmäßig eher banausenhaft drauf), der, hört er Mozarts Zauberflöte, die einzige Oper übrigens, die er kennt und liebt, aber hey, die kennt er so gut, sprich aus dem Effeff, dass er den Papageno („Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig, heißa hoppsassa!), den er besonders mag, den Papageno, und den er bei seinen Liedchen derart kräftig unterstützt, dass du glaubst, der Ösi singt den ganzen lieben Tag nix anderes als Arien. Die Oper ist praktisch die einzige Musikrichtung, wo ein, kommen wir auf den Punkt, ein System Error unvorstellbar ist. Das ist erstaunlich. Ich spreche klarerweise von der Oper in der Oper. Die Oper in der Oper ist sozusagen System Error free. Nicht so die Oper zu Hause, die vom Plattenspieler oder vom Dingens dudelt. Nein, die nicht. Im trauten Heim ist jederzeit ein System Error möglich und, wenn ich mir’s recht überlege, dann ist er sogar ziemlich wahrscheinlich. Er tritt ein, wenn du ihn am wenigsten erwartest. Das ist das Verteufelte. Du wartest sehnsüchtig auf die Königen der Nacht – um Missverständnissen zuvorzukommen, wir sind immer noch in der Zauberflöte – und plötzlich ist er da, der System Error, bevor sie, die Königin der Nacht, zur Koloratur, was freilich nix Unanständiges ist, obwohl, ein bisschen klingen tut es schon danach, bevor sie zur Koloratur ansetzen kann. Statt der erwarteten Koloratur folgt ein veritabler System Error. Wär‘ dir in der Oper nicht passiert. Zu Hause aber sind dem System Error Tür und Tor geöffnet. Zu Hause fühlt er sich wohl. Weshalb viele in die Oper gehen, um den heimischen System Error zu entkommen. „Schatzi, heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwa… äh in die Oper.“ Die Oper ist logischerweise System Error free, jedoch keineswegs Error free, wenn du weißt, was ich meine. Ich berichtete kürzlich darüber. Nun gut. Kommen wir zur Sache.
Der System Error ist, sagen wir mal… stromgebunden. Klar. Gerade in der elektronischen Musik ist er mitunter unvermeidlich, gehört quasi zum guten Ton. Weshalb Herr Ösi seinen neuen Song System Error nennt. In Zeiten wie diesen, wo Tanzmöglichkeiten Mangelware, bringt er dir die Mucke samt super prima Laune, die du jetzt am meisten brauchst, in die gute Stube hinein und ist dabei extrem tanzbar. Allein. Zu zweit. Zu dritt. Wie auch immer. Ein bisschen Latin Jazz, Soul, eine Prise Industrial, jener heiße Scheiß, für den wir eigentlich zu alt sind, wo wir denken, wir stehen inmitten einer Fabrikhalle, umgeben von maschinellem Gedöns-Gedrönhs, aber pssst, pssst, hör selbst… 😉

Little things in life that count

Zum Jahresende
genauer gesagt zu Silvester
kurz bevor es Dreizehn schlägt
äh… nein eher Mitternacht
und der Donauwalzer
aus den Radioapparaten
und Bluetooth Boxen schrammelt
wenn die Leutchen
längst benebelt vom Alkohol meinen
jetzt kurz vor Zwölf
ist es an der Zeit
gute Vorsätze für das kommende Jahr zu fassen
genau dann
Minuten vor dem Jahreswechsel
vor dem unvermeidlichen Countdown
fasst Herr Ösi
seinen guten Vorsatz
für das neue Jahr
nämlich
sich NICHTS vorzunehmen
wenn es gleich Mitternacht schlägt
und mit NICHTS
meint er absolut
NICHTS NOTHING RIEN NIENTE NADA
und so weiter
Jahrzehnte lang
immer wieder umgefallen
kläglich daran gescheitert
die guten Vorsätze einzuhalten
weil die Ziele
einfach immer zu hoch gesteckt
nimmt er sich
seit einigen Jahren
zu Silvester
zum Jahreswechsel
für das neue Jahr vor
sich absolut NICHTS vorzunehmen
und ob du’s glaubst
oder nicht
Herr Ösi hält
diesen seinen guten Vorsatz
sich absolut NICHTS vorzunehmen
für das neue Jahr
gnadenlos und bravourös ein
und 356 Tage durch
da fährt die Eisenbahn drüber
mindestens
während links und rechts
oben und unten
sogar seitwärts
die Leute
viele wenn nicht gar die meisten
nach Tagen
nach ein paar Wochen
spätestens aber nach wenigen Monaten
an ihren guten Vorsätzen scheitern
zerbröseln und in Frust versinken
geht Herr Ösi
mit einem Lächeln auf den Lippen
frohgemut durch das Land
erblickt Existenzen
sieht gescheiterte Naturen
an den eigenen guten Vorsätzen
zerbrochene Individuen
schüttelt den Kopf
mehr und effizienter wollten sie arbeiten
die einen
gesünder leben
die anderen
mehr Sport treiben
abnehmen
mit dem Rauchen aufhören
dem Alkohol entsagen
und und und
unglaublich wie viel utopisches
unnützes Zeug
ein Mensch imstande ist
sich vorzunehmen
unglaublich wie frustriert
einer sein kann
schafft er es nicht
seine guten Vorsätze
in die Tat umzumünzen
kippt nach so und so vielen Tagen
der Anstrengung und der Entsagung
erschöpft aus den Latschen
schmeißt das Handtuch
gibt entnervt auf
MAL WIEDER NICHT GESCHAFFT!
die Umfaller ersten Grades
sprich all jene
die zwischen dem 2. Januar
und dem 16. September an den eigenen
zu hohen Vorgaben Gescheiterten
sind die am bemitleidenswertesten
die ab dem 17. September Gescheiterten
quasi die Umfaller zweiten Grades
… nun gut
ist weniger schlimm
ist vernachlässigbar
Weihnachten und der Jahreswechsel
schimmern bereits am Horizont
die Chance
die Versuchung
einfach nix zu tun
abzuwarten Tee zu trinken
und in Kürze
sprich am 31. Zwölften
die guten Vorsätze
für das neue Jahr
erneut zu fassen
ist riesengroß
(ebenso die Chance einmal mehr zu scheitern…)
bleiben wir bei den Umfallern ersten Grades
das Resultat sieht Herr Ösi vor sich
ein Bild des Jammers und der Verzweiflung
der vorsätzlich Gescheiterte
der am Vorsatz Gescheiterte
in dem Fall ein und derselbe
ist auf dem ersten Blick
leicht an seinem Blick zu erkennen
gesenkten Hauptes trottet er durch die Gassen
schaut kaum nach links
kaum nach rechts
tut er es trotzdem
schaut er in die Richtung
die die deine ist
siehst du sofort
da ist wieder einer
der scheue Rehblick verrät ihn
wieder einer
der an seinen guten Vorsätzen gescheitert ist
der ist aber gescheit gescheitert
denkst du
willst schon fragen
na, war es der Alkohol oder
war es diesmal der Sport?
aber hey
aus Pietät und so weiter
fragst du lieber nicht
wie leicht wäre es gewesen
hätte der die das Gute
sich fürs neue Jahr
NICHTS vorgenommen
das hätte ihn ihr absolut nix gekostet
sich NICHTS vorzunehmen
stolz und erhobenen Hauptes
könnte er sie es durch die Straßen schweben
ohne gute Vorsätze
die eh alle für die Katz
die nie und nimmer
einzuhalten sind
die kleinen Dinge sind es
denkt Herr Ösi
einer plötzlichen Eingebung folgend
die ganz kleinen Dinge im Leben
sind es die zählen
und nicht die guten Vorsätze
an denen wir zwangsläufig
scheitern müssen
THAT’S IT!
sagt einer
zu Herrn Ösi’s Verblüffung
es ist der Buddha
erleuchtet und vollkommen
wo kommt der jetzt her?
egal!
IT’S THE LITTLE THINGS IN LIFE THAT COUNT

Frohe Weihnachten

Jo is denn heut scho Weihnachten? Na, oba fost. – Der Ösiblog ist seiner Zeit voraus.

Herr Ösi (hier im Bild) und Frau Saftschubse (nicht im Bild) wünschen allen Leserinnen & Lesern des ÖSIBLOGs ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest. Und wenn wir schon dabei sind: Einen guten Rutsch ins neue Jahr. Auf dass 2021… na Ihr wisst schon…

Let you your traditional Christmas Goose (not in picture) after possiblity very good tasting… wie der vornehme Brite leicht gespreizt parlieren würde. Aber… wir lassen unsere Weihnachtsgans heuer (wie schon die im letzten Jahr) gans äh ganz…

Fotos / Herr Ösi as Christmas Man / © Dezember 2020

 

Herr Ösi darf nur Saft

Schwester! Sagen Sie bloß, die Weinprobe findet heute nicht statt…

Schon an den ersten Worten werden Sie erkennen: das ist heute kein typischer Ösi Text. Es ist ein Saftschubsen Text. Vom Herrn Ösi seiner Assistentin. Ich, geborene Silvia Saftschubse, darf den Text heute nicht nur wie üblich eintippseln, ich, Silvia Saftschubse, darf ihn sogar reh-digieren. Zumindest so lange der Chef in der Klinik weilt. Und weil ich ziemlich aufgeregt bin, habe ich reh-digieren mit „h“ geschrieben, so wie das scheue Waldtier halt.

Was ihm fehlt und ob es ihm gut geht? wollen Sie wissen. Nun ja. Sieht er nicht putzig aus in seinem neuen Kleidchen? Die Spatzen in Paris pfeifen es von den Dächern. Jean Paul Gaultier – Stardesigner und Modeschöpfer – is back, meldet sich nach langer Schaffenspause mit einer neuen Haute Couture zurück… und hat in Herrn Ösi ein erstes prominentes (nun ja…) Opfer gefunden. In Zeiten wie diesen, richtet sich das Augenmerk der Medien klarerweise auf den Krankenhauspatienten. Er ist in aller Munde. Er bevölkert die Intensivstationen, befeuert die Statistiken, kurz: er ist immer mit vorn dabei… und will neuerdings auch noch gut dabei ausschauen. Für das Herausputzen dieser nicht gerade attraktiven Spezies ist Herr Gaultier wie geschaffen. Den Namen Gaultier dürfen Sie – wollen Sie ein bisschen die Aussprache üben – nicht aussprechen als hätte er etwas mit einem klapprigen Gaul gemeinsam, Gaul-Tier also, nein, Gaul-Tier geht gar nicht, den Namen Gaultier müssen Sie aussprechen als würden Sie „Gott Je“ sagen, mit einer kleinen Pause zwischen Gott und dem Je. Auf keinen Fall Gaul-Tier, müssen Sie wissen, sonst können Sie gleich Pferd sagen, was immerhin einfacher und logischer wäre als ein überkandideltes Gaul-Tier. Wäre mit Gaul-Tier – jetzt Hypothese – tatsächlich ein Pferd gemeint (was es nicht ist), müsste man es als Cheval schreiben und als „Schöwal“ aussprechen, hab ich gelernt, und wären – nur mal angenommen – zwei Pferde am Start, also eine mathematische Verdopplung des ersten Pferdes, würde man Chevaux schreiben und „Schöwo“ sagen. Kompliziert, nicht? „Dö Schöwo“ oder „Dö Schwo“, wie der Franzose kurz und bündig sagt, wenn er zwei Pferde ins Rennen schickt, sind folglich zwei Pferde und „Schöwo“ oder „Schwo“ sind ein und das selbe. Klar? Nun gut. Früher fuhr auf den Straßen ein Automobil, das „Dö Schöwo“ genannt wurde, also zwei Pferde und das Verrückte daran ist oder war, dass man hierzulande zu den zwei Pferden „Ente“ sagte. Oder „2 CV“, was ziemlich futuristisch klang für das originelle Wägelchen. Wie man von zwei Pferden auf eine Ente schließen kann und/oder umgekehrt, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber zurück zu Herrn Ösi, bevor wir uns verzetteln.

Für mich handelt es sich um eine Schöheitsoperarion, hab ich ihm gesagt, auch wenn er davon nix wissen will. Zwar nicht um eine Brustvergrößerung, wie sie Männer heutzutage gern machen lassen, um ihren weiblichen Anteil zu erhöhen, was stets mit Vorteilen am Arbeitsplatz einhergeht. Nein, eher das Gegenteil. Nun gut, auch keine Brustverkleinerung, was naheliegend wäre, wenn es sich nicht um eine Brustvergrößerung handelt. Den älteren Herren, das werden Sie sicher schon bemerkt haben, wachsen im Alter oftmals… sagen wir mal: so was wie äh… kleine Tittchen… Tittchen, die so manch einer Dame gut zu Gesicht stehen würden, wenn sie brettl-eben ist, mit also zu wenig Holz vor der Hütte ausgestattet ist, wie der Chef gern sagt (wenn ihn keiner hört). Dies soll keine Wertung sein, sondern bloß… äh dingens, wenn Sie wissen, was ich meine. Aber es geht hier nicht um Tittchen. Es geht um einen Höcker, der auf seiner rechten Schulter sitzt beziehungsweise eher thront. Thront ist das richtige Wort. Eine ziemlich abstruse Sache. Der Watzmann, wie er ihn nennt, weil der Höcker in der Zwischenzeit zu einem echten, nicht zu übersehenden Koloss herangereift ist. Egal was er trägt, der Watzmann zeichnet sich deutlich unter der Kleidung ab. Einerseits erweist sich der Höcker als extrem praktisch, wenn es darum geht, Rucksäcke oder Einkaufstaschen zu transportieren. Nichts, aber auch rein gar nichts rutscht – einmal über den Watzmann geschoben – von seiner rechten Schulter. Das Rückhaltevermögen des Watzmanns ist ein überaus erstaunliches. Aber eben auch diese Ungleichheit, diese falsche Gewichtung gegenüber der linken Schulter, die sich wie eine handelsübliche linke Schulter ohne besondere Auffälligkeiten präsentiert, sprich brettl-eben eben. Es ist diese Ungleichheit, die den Chef gewaltig stört, diese Ungleichheit zwischen der rechten und der linken Schulter und die ihn letztendlich zur Wegsäbelung des Watzmanns bewogen hat. Der Watzmann muss weg! hat er gesagt und hat zum Telefonhörer gegriffen. Watzmann, Watzmann, Schicksalsberg, du bist groß und i nur a Zwerg.

Eins hat er nicht bedacht, der passionierte Weintrinker. So lange die Wunde nicht verheilt ist und er mit Schmerzmittel vollgepumpt wird, ist nix mit Weinprobe und dergleichen. Herr Ösi darf zur Zeit nur Saft. Das trifft sich gut. Endlich habe ich Gelegenheit, meinem Namen alle Ehre zu erweisen. Von früh bis spät übe ich das Schubsen von Säften… zu einem imaginären Herrn Ösi hinüber, der, wie ich hoffe, in Bälde seinen gewohnten Platz einnehmen wird.
Ihre
Silvia Saftschubse