Der nicht existierende Beitrag

Eigentlich war hier angedacht, einen Beitrag zu bringen, der nicht existiert, ein Null-Posting sozusagen. Ein Null-Posting ist ein Betrag ohne Bild, ohne Video, ohne Musik, ohne geschriebene oder gesprochene Worte, ein Dingens, welches ohne Firlefanz auskommt, also, quasi ein Nichts. Die Frage ist, kann so ein Beitrag, so ein Null-Posting, so ein Nichts überhaupt existieren? Und falls ja, wie würde er ausschauen? Könnte man ihn wahrnehmen, obwohl er nicht existiert? Müsste die aufgerufene Seite nicht leer bleiben? Weiß? Schwarz? Blau? Unsichtbar? Nicht vorhanden? Freilich könnte man einwerfen, allein die ersten Worte Eigentlich war hier angedacht, einen Beitrag zu bringen, der nicht existiert, ein Null-Posting sozusagen, beweisen seine Existenz. Aber ist dem so? Existiert er wirklich? Oder könnte es sein, dass es ihn nur in deiner Vorstellung gibt? Genauso wie zum Beispiel Herr Ösi, der, wie manche wissen, einen oder zwei Beiträge pro Monat in die weite Welt des Internets hinaus posaunt. Existiert dieser Herr Ösi mitsamt seinen Beiträgen tatsächlich oder existiert er nicht? Was wissen wir schon? Und was, wenn du einem Trugbild aufgesessen bist, welches bloß in deinem Geist entsteht? Was, wenn du meinst, Beiträge gelesen zu haben, die niemals verfasst worden sind? Oder, schlimmer noch, nicht existierende Ösi-Beiträge kommentiert zu haben? Müsste dann nicht deine Welt in allen Grundfesten erschüttert sein? Was, wenn eine übermächtige Künstliche Intelligenz den Herrn Ösi bloß erschaffen hat wie ein Zauberer, der ein Kaninchen aus einem Zylinder abracadabrat? Es versteht kein Mensch und keiner fragt danach, warum immer Kaninchen aus Hüten gezaubert werden. Als gäbe es keine Eichhörnchen, Regenwürmer, Riesenkraken und so weiter. Das ist Illusion. Wir werden von klein auf darauf konditioniert: Zauberer, Zylinder, Kaninchen. Punkt! Herr Ösi. G’schmarri. Unsinn. Punkt! Dinge kritisch zu hinterfragen ist nicht unser Ding. Dazu müssten wir hinter den Vorhang schauen. Weil hinter dem Vorhang noch ein weiterer Vorhang ist und danach noch einer und noch einer und noch einer, belassen wir es, auf den ersten zu schauen und zu sagen: Aha, ein Vorhang. Die übermächtige Künstliche Intelligenz habe ich deshalb angeführt, weil eben modern, in aller Munde und als übermächtig und zukunftsweisend tituliert. In Wahrheit ist sie ein Kaninchen, welches nicht existiert… denke ich… wie dieser Beitrag, den du gerade liest, nicht existiert…

Putzbefreit

Ist natürlich nicht ganz günstig
ziemlich teuer sogar
aber machbar
es lohnt sich
sagt Herr Ösi
für ihn allemal
ein wenig Aufwand betreiben
um im Anschluss…
als Belohung sozusagen
hau ruck die Beine hoch
entspannen…
die Ruhe genießen
nach getaner Arbeit sprich
nach eigentlich nicht getaner Arbeit
die Außenstelle
in meinem Fall
die 1847 Strich 5
in deinem Fall
keine Ahnung
eine entsprechend andere
klarerweise
die Außenstelle
sagt er
die Außenstelle ausfindig machen
die eigentliche Schwierigkeit
ist die Außenstelle
die Außenstelle muss ausfindig gemacht werden
die entsprechende Innenstelle
danach in der gefundenen Außenstelle zu finden
ist ein Kinderspiel
ist die Außenstelle erst gefunden
ist das Auffinden der Innenstelle
ein Klacks
naja…
Der Umschlag
sagt die zuständige Sachbearbeiterin
der Innenstelle
sagt Herr Ösi
die Sachbearbeiterin wiederholend
nimmt ihn entgegen
den Umschlag
den mitgebrachten Umschlag
fühlt die Dicke
prüft
wie nur eine Sachbearbeiterin
imstande ist
zu prüfen
ohne den Umschlag zu öffnen
anhand der Dicke
anhand der Schwere
wie auch immer
ob er passt
oder nicht
(er scheint zu passen)
steckt ihn wortlos
in ihre schicke Louis-Vuitton-Handtasche
War’s das?
fragt er zaghaft
Das war’s
sagt sie kurz
Ein kleines Gespräch
über die Schwierigkeit der Auffindung
der Außenstelle entsteht
Die Innenstelle haben Sie aber problemlos gefunden
sagt sie augenzwinkernd
ungeduldig auf die Uhr blickend
Ja, die Innenstelle problemlos gefunden
nachdem ich die Außenstelle
endlich ausfindig gemacht hatte
entgegnet er
Sie reicht ihm einen Aufkleber
An der Haustür befestigen!
belehrt sie ihn
bevor sie ihn wegschickt

Seitdem ist Herr Ösi amtlich putzbefreit… 😉

Sounds for the next century

Als einer, der den Sound checkt und neuer Musik den Weg bereitet, wurde Herr Ösi kürzlich gefragt, wie er sich den Klang für das nächste Jahrhundert vorstellt. Er hat sehr klare und konkrete Vorstellungen. Viel Natur sei drinnen, aber auch – Überraschung – industrielle Klänge vermengt mit künstlich Intelligentem, was Experten unter KI verstehen. Da legt er sich fest. Unbeirrbar. Felsenfest. So ist er nun mal, der Herr Ösi.
Gut tanzbar wird er sein, der zukünftige Sound, zwar abweichend zum herkömmlich bekömmlichen, dennoch gut tanzbar. Tja, was will man mehr? Vielleicht mehr Meer…?

Leuchtturm und Möwe

Wenn der Leuchtturm abends leuchtet
und der Möwe, sagen wir, philosophisch deuchtet:
Wäre ich zum Licht geflogen
und nicht meerwärts abgebogen
fände ich nun leck’re Speisen
anstatt sinnlos rumzukreisen
Warum kann die Möwe fliegen?
Werd‘ die Kurve ich noch kriegen?
Flieg‘ ich aufs off’ne Meer hinaus
ist mit dem Möwendasein aus…

Der Leuchtturm klagt: Ich kann gut leuchten
doch kümmert’s mich ’nen Dreck, ’nen feuchten
immer nur dies Blinke-Blinke
die Menschen machen Winke-Winke
Setz‘ ich aus mit meinem Licht
mögen dies die Schiffe nicht
An dem Felsen sie zerschellen
noch ein kurzes Hundebellen
danach Stille in der Nacht
Will ’ne Möwe sein, hab ich gedacht…

Die Möwe, sie fliegt ganz allen
und denkt: ich möcht‘ ein Leuchtturm sein
Dann würd‘ ich machen Blinke-Blinke
die Menschen zu mir Winke-Winke
die Schiffe würde ich geleiten
durch Wogen, Wellen und Gezeiten
Wie schön wär doch das Leuchtturm Leben
doch bloß ’ne Möwe bin ich eben…

Die Schiffe schäumen voller Wut
Möwe, Leuchtturm… die ham’s gut
Ständig Lasten transportieren
und am Ende kollabieren
ist des Schiffes einzig Los
ich sag nur noch: dubios
Fahre ich von A nach B
tut der Schiffsrumpf mir arg weh
Kann weder fliegen noch verharren
das Schiffsein ist ein Riesen Schmarren
Wie komme ich raus aus meiner Haut?
Nehm ich ’ne Möwe mir zur Braut?
Gar den Leuchtturm mir zum Mann?
Bloß… wer transportiert die Waren dann?

Keiner scheint mit sich zufrieden
Ist das der Alltag hier hienieden?

Grillen

Lern‘ was G’scheits, dummer Bub,
damit du später nicht in der Politik
oder in der Werbewirtschaft landest!

(Mama Ösi zum ihrem Sprössling, Anfang der 70ger)

Das Sammelbecken für Loser, die damals noch Versager hießen, und für Dummköpfe, die damals schon Dummköpfe hießen, wollte die Mama ihrem Söhnchen ersparen. Es ist ihr gelungen. Zumindest vorerst. Nicht, weil der kleine Ösi besonders g’scheit gewesen wäre. Nein, er hat sich bloß irgendwie durch die Schulzeit gemogelt.

Die intellektuellen Vorbehalte gegenüber gewissen Berufsgruppen sind seitdem nicht nur bei der Mama vom Herrn Ösi ins schier Unermessliche gewachsen. Wir bleiben heute, der Einfachheit halber, bei der Werbewirtschaft. Wer kennt sie nicht, die dummen Sprüche dieser Branche, die ständig versucht, uns zum Erwerb von irgendwelchem Krimskrams zu bewegen, den wir nie und nimmer benötigen. Schon aus Solidarität, und da brauchen wir die Werbung gar nicht, kaufen wir die Produkte großer US Konzerne, weil sie uns, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen, sehr leid tun. Letztendlich ermöglichen wir mit unseren eifrigen Käufen einem Firmengründer, dem uns angrenzenden Weltall einen Kurzbesuch abzustatten. Hello universe, here I am. Schließlich muss der Junge mal an die frische Luft. Jahrelang an der Steuervermeidung abgerackert, hat er sich eine Belohnung redlich verdient. (Wer jetzt denkt, aus dem Ösi spricht der pure Neid, weil er nicht eingeladen wurde, mitzukommen, liegt völlig falsch. Nicht einmal mit einem kostenlosen Speibsackerl hätte man ihn zum Mitflug überreden können.)

Nach diesem kleinen Diskurs, kehren wir nach Deutschland, dem digitalen Neuland des Internets, zurück. Die nachstehende Plakatwerbung aus der werbewirtschaftlichen Steinzeit anno 2021 verdeutlicht eindrucksvoll, dass in diesem Land schon greater resettet werden muss, soll es mit der Moderne noch was werden.


Herr Ösi geht den nächsten Schritt und stellt das ultimativ multimediale Werbekonzept der Zukunft vor. Innovativ, bewegend und Dingens samt Ton.
Selbst wenn nun eine(r) sein Smartphone zu Hause vergessen hat, was kaum jäh passiert, wird anschaulich gezeigt, was unter GRILLEN zu verstehen ist.

PS: Werbewirtschaft, Politik und Geheimdienste richten etwaige Anfragen für eine mögliche Zusammenarbeit unter der Chiffre „Grillen“ an die Ösi-Redaktion.

Verschweigen und Vertuschen

Wenn das Wetter schon beschissen ist
müssen die Beiträge umso besser sein
(Herr Ösi, Juli 2021)

„US-Regierung öffnet streng geheime UFO-Akten“, titelt die Hokuspokus&Hauruck-Postille Focus. Zumindest ein bisschen. Was man dem Volk halt so zumuten kann. Und das ist nicht viel. Klar. Wird Geheimes veröffentlicht, ist es nicht mehr geheim. Das leuchtet ein. Besonders Geheimdienste, die ja das Wort geheim schon im Titel tragen, rücken mit ihren Geheimnissen nur ungern heraus und, wenn es gar nicht mehr anders geht, dann eben zögerlich und zitzerlweise. Das Wort „zitzerlweise“ ist kein Geheimwissen und kann, je nach Bedarf, also zum Beispiel bei Nichtwissen, problemlos gegoogelt werden. Oder auch nicht. Ganz nach Belieben. „Der liebe Herr Ösi“, sagt die Saftschubse, seine Assistentin, „hat nichts Besseres zu tun, als hinauszuposauen, was die Geheimdienste uns verschweigen.“ Da hat sie nicht unrecht. Sie kennt ihren Chef. Der liebe Herr Ösi, sage ich, hat in der Tat nichts Besseres zu tun, als den Geheimdiensten zuerst auf die Finger zu schauen und dann auf die Finger zu klopfen. Auf ihre schmutzigen Finger zu klopfen, wohl gemerkt. Die so schmutzig sind, dass ein Dreijähriger 50 Jahre lang ohne sie zu waschen im Gatsch spielen müsste, um derart schmutzige Pfoten zu bekommen. Gatsch, wer’s braucht und nicht weiß, was Gatsch ist… Gatsch lässt sich ebenfalls googeln. Dieses zitzerlweise Herausgeben geheimer UFO-Akten, sagt die Saftschubse, hat den Herrn Ösi, diesmal lässt sie das Prädikat „lieber“ lieber weg, so genervt, dass der sich genötigt sah, selbst geheimste UFO-Akten zu veröffentlichen… und wären diese bloß gefaked, wie er seiner Assistentin, die er zu absolutem Stillschweigen verdonnerte, beiläufig mitteilte. Soweit ist es freilich nicht gekommen. Wie durch ein Wunder wurde der Ösi-Redaktion aus streng geheimer Quelle ein atemberaubendes Video zugespielt, welches das Zusammentreffen eines Kampfjetpiloten mit einem außerirdischen Objekt, einem UFO, dokumentiert.

Unser Protagonist, T-Bone Pickens Jr, ein jüngerer kampferprobter Haudegen alten Schlages, war gerade mit seiner General Dynamics F-16 nahe der Area Fifty-Two unterwegs, um einen Atombombenabwurf auf… Verschwörungspraktiker ahnen bereits worauf… zu simulieren, als sich der Zwischenfall ereignete. Ein unbekanntes Flugobjekt, aufgetaucht aus dem Nichts, näherte sich plötzlich dem Piloten in seiner klapprigen Kiste. Das stattgefundene Gespräch zwischen dem Piloten und seinem unter ADHS leidenden Bordcomputer namens HAL 9000 wurde live an den Kommandostand übermittelt. Es dient uns zusammen mit dem von der Bordkamera aufgezeichnetem Geschehen als einzigartiges Dokument seiner Art. Unabhängige Spezialisten haben die Wahrhaftigkeit dieses Dokuments überprüft und bestätigt. Indes: vom „guten“ T-Bone Jr fehlt seither jede Spur…

Herr Ösi checkt den Sound

Das Problem ist immer das selbe. Oder sagt man das gleiche? Egal. Angenommen du gehst in ein Konzert. Du gehst hinein und wartest. Bevor das Konzert beginnt, musst du warten. Ohne Warten geht es nicht. Zumindest nicht im Konzert. Oder du kommst zu spät. Platzt mitten in die Vorstellung hinein. Aber davon ist heute nicht die Rede. Heute bist du pünktlich. Nimmst Platz oder bleibst stehen. Je nachdem. Die Musiker im Orchestergraben oder auf der Bühne – je nachdem – stimmen ihre Instrumente. Das dauert. Bevor sie nicht ihre Instrumente justiert haben, geht es nicht los. Kann es nicht losgehen. Macht nix. Du hast ja bezahlt. Die Wartezeit, bevor die Musik losgeht, losgehen kann, ist im Konzertpreis inbegriffen. Sie steht dir zu. Außer… du kommst zu spät. Dann gibt es klarerweise keine Wartezeit, wenn die Musik bereits im vollen Gange. Dann, dies sollte dir klar sein, dann müsste man dir einen Preisnachlass gewähren. Eigentlich. Und gerechterweise. Wenn du zu spät kommst. Weil die Wartezeit, die dir vom Gesetz her zusteht, hättest du durch dein Zuspätkommen ja verpasst. Aber wie gesagt, heute nicht. Heute bist du pünktlich. Die Musiker, wo immer sie sich befinden, oben oder unten, stimmen ihre Instrumente. Und jetzt –
Problem. Großes Problem! Das Wirrwarr der Stimmen. Die Leute plaudern. Ungeniert. In voller Lautstärke. Plärren was das Zeug hält. Erzählen sich den größten Stuss. Unten im Orchestergraben geigen derweilen die ersten Geiger. Celliern stimmend die Cellisten. Bratscherln fiedelblogendschwingend die Bratschisten. Das Publikum nimmt davon keine Notiz. Es ist mit sich selbst beschäftigt. Auf der Bühne lässt der Gitarrist sein Instrument krachen, drischt der Drummer auf die Trommeln ein. Der Sänger sagt Eins, Zwei, Eins, Zwei, Eins, Zwei ins Mikrofon hinein. Niemand außer dir scheint zu checken, dass gerade der Soundcheck läuft. Hey! Ruhe im Saal! würdest du am liebsten brüllen. Die Ignoranten um dich ignorieren dein virtuelles Brüllen. Ein gekonntes Gitarrenriff lässt den Saal erzittern. Wahnsinn! Diese Präsenz, dieses Aufjaulen der Gitarre hörst du später, wenn der Soundcheck beendet ist, nie nie wieder. Deshalb ist der Soundcheck der eigentliche Höhepunkt eines jeden Konzerts. Was nach dem Soundcheck kommt, kannst du getrost vergessen, ist einfach weichgespülte Musik. Zwar harmonisch abgerundet. Aber schmerzhaft für jedes Kennerohr. Die Musik ist langweilig und entsetzlich. Kurz: entsetzlich langweilig.
Mal Hand aufs Herz: Wir verachten diese Musik. Diese Musik ohne Ecken ohne Kanten, diese perfekten, harmonisch niedergebügelten Töne, diese sanften Übergänge der Melodien. In Wirklichkeit warten wir auf den Schnitzer eines Musikanten, hoffen, er möge sich „verspielen“, warten auf die schrägen, auf die falschen Töne. Doch die Musiker erfüllen uns unsere Wüsche nicht. Jahrzehntelang wurden sie ausgebildet, geschult, gequält, domptiert und manipuliert, nur ja keinen falschen Ton zu erzeugen. Man bedroht sie mit dem Rauswurf aus dem Orchester, aus der Band, sollten sie sich erdreisten, einen nicht genehmigten, einen falschen Ton ihrem Instrument zu entlocken. Sich nur keinen musikalischen Furz erlauben, wie es in der Fachsprache heißt. Die einzige Freude, die den Musikern in ihrem jämmerlichen Dasein bleibt, ist der Soundcheck. Hier dürfen sie… dürfen sein, wie sie sind. Dürfen nach Belieben furzen. Hier blühen sie tatsächlich auf. Zeigen, was in ihnen steckt, zeigen Spielfreude und Individualität… bis, nun ja, bis das Konzert beginnt. Mit dem Konzertbeginn verabschiedet sich jegliche Kreativität.

Herr Ösi und seine virtuelle Band The Ösettes haben diese Jahrhundert alte Diskrepanz zwischen dem Soundcheck und dem nachfolgenden Konzert erkannt. Mit dem Mini-Album „Soundcheck“ veröffentlichen sie nun Essenzielles, das, worauf es ankommt…

Stop Smoking

Die moderne Biotechnologie macht es möglich. Herr Ösi ist mit einer Maus schwanger. Weshalb er unverzüglich das Rauchen einstellt…

Tja, der endlose Lockdown fordert seinen Tribut.

Concerto con il mouse

Geschafft! Mit einem Knall fällt die Tür hinter mir ins Schloss. Draußen Sauwetter. April 2021. Begossen wie ein Pudel stehe ich im Flur. Wer sich bei diesen Temperaturen keine Erkältung holen will, braucht ein gutes Immunsystem. Ich friere. Erschöpft sinke ich aufs Sofa. Gleich das Handy. Was steht an? Putzen. Frühjahrsputz. Mit drei !!! Ich schnaufe. Aber okay. Bei diesem Wetter, bei dem du keinen Hund aus dem Haus jagst, schon gar nicht den, den du nicht besitzt, bei diesem Wetter ist Frühjahrsputz angesagt. Beste Gelegenheit. Noch dazu, weil der letzte Putz im Vorjahr wegen Schönwetter ausfallen durfte, nein, musste.
Zuerst den Boden schrubben. Dann die Möbel. Ja nein, nicht schrubben, die Möbel abstauben. Den Franzi nicht verschrecken. Steht so in der To-do-Liste. Sind genügend Putzmittel im Haus? Dies zu überprüfen, müsste ich mich erheben und in die Küche. Ich bleibe sitzen. Frosch. Neutral Reiniger. Müsste da sein. Wurde ja 2020 nicht gebraucht. Ph-neutral. Hautschonend. Ein Rechtschreibfehler. Müsste es nicht BH-neutral heißen? Alles kleiner als Körbchengröße D ist BH-neural. F natürlich jenseits aller Neutralität. Ich lache über diesen Unsinn. Noch ein paar Minuten. Genehmige mir fünf weitere. Minuten Pause eben. Wie schön sitzen sein kann. Regen prasselt ans Fenster. Die Beine ausgestreckt. Zuerst mit Swiffer-Tüchern den Staub auffangen, denke ich. Dann nass drüber wischen. Würde ich einen Blog-Beitrag verfassen, dürfte ich die Swiffer-Tücher erwähnen? Das ist die Frage. Müsste ich sie nicht umbenennen? Der unzulässigen Werbung wegen?
Beinah eingeschlafen läutet das Handy. Ich geh ran, nenne meinen Namen. „W Punkt Schmidt“, sagt der Anrufer. Stille. Nach einer Weile. „Anwaltbüro W Punkt Schmidt“ „Ich lausche“, sage ich und lausche. „Es geht um ihren letzten Blog Beitrag.“ „Ach so, um die Blockchain. Ich hoffe, sie fanden das Posting amüsant.“ „Nicht die Blockchain“, sagt W Punkt Schmidt, „es geht um ihren noch nicht veröffentlichen Beitrag.“ „Der wäre?“ „Seien sie nicht albern.“ „Ich muss sie bitten!“ „Die Swiffer-Tücher! Sagt ihnen das was?“ „Gerade dachte ich, ob ich sie verwenden darf. Also, im Haushalt, natürlich schon. Aber im Blog-Beitrag…“ „Nein, dürfen sie nicht.“ „Woher wissen sie…“ „Es ist mein Job. Meine Aufgabe ist es, einzugreifen, bevor strafbare Handlungen begangen werden. Nehmen sie von den Swiffer-Tüchern Abstand.“ Ich sitze verblüfft da und überlege, wer zuerst aufgelegt hat. W Punkt Schmidt oder ich?
Gestresst klappe ich den Laptop auf. Virtual Piano. Klimpern beruhigt mich. Entweder du nimmst die Finger, tust so, als würdest du maschinschreiben. Oder die Maus, wenn du es langsam angehen lassen willst. Ein Mausklick. Ein Ton. Noch einer. Noch ein Ton. Und so weiter. Eher für Minimalisten geeignet. Heute Maus. Bereits der erste Ton kommt richtig gut. Er gefällt mir. Schlag ihn noch drei Mal an. Pause. Und ein viertes Mal. Eins ist klar. In der Verfassung, in der ich mich befinde, werde ich nur wenig Töne benötigen. Zwei Tasten weiter, Richtung Rechts, werde ich fündig. Danach Wiederholung des ersten Tons. Klingt gut. Klingt ausgezeichnet. Den Fehler, den viele Komponisten begehen, ist, zu viele Töne in die Musik reinzupacken. Der Regen wird stärker. Mozart bestes Beispiel dafür. Klar, begabt war er. Keine Frage. Aber! Mit den Tönen, die er hätte einsparen können, um sie anderweitig einzubringen, wäre es ein Leichtes gewesen, die Anzahl seiner Werke zu verdoppeln. Der Fokus, sage ich. Verlier den Fokus nicht. Nie! Den Fokus nicht aus den Augen verlieren. Während ich über die Sinnhaftigkeit eines weiteren Tones nachdenke, fällt mir was anderes ein. Was Wesentliches. Ich wiederhole das Stück. Einmal mit den zwei verschiedenen Tönen. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Dann, aus Spaß, mit einem neuen, einem dritten Ton. Tja, ich weiß nicht. Die einen werden sagen, zwei Töne sind für mich ausreichend. Viel mehr überfordern mich. Andere wieder werden drei Töne bevorzugen. Oder mehr. Als Komponist hast du’s schwer. Bist der Depp. Irgendwo ist immer einer, der meckert. Dem du es nicht Recht machen kannst. Egal, welchen Ton du anschlägst. Von Musikkritikern ganz zu schweigen. Die sind die Pest.
Draußen erscheint die Sonne. April. April. Macht was er will. Ich beginne von vorn. Mit einem helleren Ton. Dem Wetter entsprechend. Jetzt, im fortgeschrittenen Stadium der Komposition, ist es an der Zeit, einen, um nicht zu sagen, DEN geeigneten Musiktitel zu finden. Falsch wäre zu sagen, Symphonie N° 3, 4, 5 etcetera. Früher, ja. Früher ging das. Heute nicht mehr. Der Titel ist wichtig. Wichtiger als die Musik. Yesterday zum Beispiel. One day ago, wäre grauenhaft gewesen. Da hätten die Jungs gleich einpacken und nach Hause gehen können. Und Klempner werden. Oder Hausarzt. Nix gegen Klempner und Hausärzte. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Never change a winning team. Bin äußerst zufrieden. Die Melodie ist einprägsam. Kommt gut an. Irgendwas mit Concerto im Titel muss es sein. Natürlich Kontscherto gesprochen. Italienisch bietet sich an. Naturalmente. Ist es ein Klavierstück, ist Concerto im Titel unumgänglich. Concerto mit Maus vielleicht. Du gibst dem Hörer was an die Hand. Mit dem er was anfangen kann. Oder, noch besser, ins Ohr. Concert with mouse? Nein. Klingt entsetzlich. Horrible. Concierto con raton? Ist um nix besser. Concert avec la souris? Okay, akzeptabel. Concerto con il mouse? Si! Perfetto! Besser geht es nicht. Läuft runter wie ein Barolo Riserva. Jahrgang egal. Umschmeichelt den Gaumen. Vorzüglichst im Abgang. That’s it.
Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Nehme ich ein Ta raus? Das vierte? Ich versuche es. Ta-TaTa-Ta-Ti-Ta Die Sonne blinzelt durchs Fenster. Auf einmal richtiges Frühlingswetter. Eigentlich sollte ich raus. In die Sonne. Die Sonnenstrahlen genießen. Wie habe ich sie vermisst. Einmal den Laptop aufgeklappt, kann ich mich nur schwer von ihm lösen. Das ist mein Problem. Ich gebe mir noch eine Stunde. Was ist schon das schon? Eine Stunde. Nichts, im Vergleich zur Ewigkeit. Der Frühjahrsputz kann warten. Muss warten. Die Sonne nicht. Morgen. Morgen ist auch ein Tag. Die Natur ist wichtiger. Franzi wird es mir danken. Er liebt die Ruhe. Verabscheut das Putzen. An mein Geklimper hat er sich gewöhnt. Ans Putzen nicht. So sind Weberknechte. Ich gebe das Ta wieder dazu. Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Besser so? Das ist die Frage. Ich nehme es wieder raus, das Ta, probiere das Stück vom Anfang an, um es gleich wieder hinzuzufügen. Diese Entscheidungen! Ich verabscheue sie. Diese ständigen Entscheidungen. Gebe ich einen Ton dazu? Nehme ich einen weg? Verändere ich ihn gar? Entscheidungen über Entscheidungen. Ich hasse sie. Sie machen mich verrückt. Bringen mich aus dem Gleichgewicht. Warum kann die Welt nicht stillstehen? Ein bisschen zumindest. Etwa für ein Jahr. Das wär schon was. Für den Anfang. Ist das zu viel verlangt? Ein ganzes Jahr. Ohne eine einzige Entscheidung zu treffen. Treffen zu müssen. Stillstand. Wunderbar. Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ti-Ta-Ta Kleine Lockerungsübung zwischendurch. Den Mausfinger geschmeidig halten. Ohne ihn geht es nicht. Der Mausfinger macht die Musik. Heutzutage zumindest. Mozart spielte mit allen zehn. Ich mit einem. Das ist Effizienz.
Rückblickend sage ich, die Aufnahmeprüfung ans Musikkonservatorium in Wien total vergeigt. Ohne Geige. Total vergeigt. Ich saß am Flügel. Ein Bösendorfer war’s. Vor mir die Prüfungskommission. Strenge Blicke. Man bat mich zu spielen. Ta-Ta-Ta-Ta-Ta-Ta-Ta Oder war es Ti-Ti-Ti-Ti-Ti? Egal. Wie auch immer. Ich spielte nur einen Ton. Permanent ein und denselben Ton. Bereits damals der Hang zur Vereinfachung. Zum Minimalismus. Unverkennbar. Welcher Ton es war? Keine Ahnung. Die Erinnerung fehlt. Es war eine der weißen Tasten. Soviel ist sicher. „Aufhören! Aufhören!“, rief man im Saal. Ich spielte unbeirrt weiter. Die Entscheidung, mich entschieden gegen Entscheidungen zu stemmen, nahm ihren Anfang. Lang liegt es zurück. Jahrzehnte. Heute wäre ich mit meiner Musik ein gefeierter Pianist. Schon damals war ich meiner Zeit voraus. Die Royal Albert Hall, die Carnegie Hall und wie sie alle heißen, würden sich um mich reißen. Komplette Konzerte würde ich mit nur einem Ton absolvieren. Zwei Stunden ein und denselber Ton. Mit dem Mausfinger. Das Publikum enthusiastisch applaudierend. Aus dem Häuschen. Dann, vielleicht später, bei der Draufgabe, einen anderen Ton. Du darfst das Publikum nicht zu sehr verwöhnen. Musst ihm zeigen, wer der Chef ist, im Ring.
Ta-TaTaTa-Ta-Ti-Ta Aufkeimende Zweifel. Bleibe ich dabei oder werfe ich das Stück über den Haufen? Beginne gänzlich neu? Quasi Tabula rasa. Ich weiß es nicht. Kann mich nicht entscheiden. Den Titel habe ich bereits. Er ist das Wichtigste. Die Töne… na ja. Austauschbar. Beliebig austauschbar. Tosender Regen holt mich in die Wirklichkeit zurück. Blicke zum Fenster. Draußen strömender Regen. Grau in grau. April halt. Ich bleibe zu Hause. Bin erschöpft. Lege mich auf die Couch und schließe die Augen. Für den Frühjahrsputz ist es ohnehin zu spät…

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