Viecherl gerahmt, Teil 2

Mit dem Pfiff des Schaffners aus der Trillerpfeife, die der eines Schiedsrichters der Bundesliga, der ersten oder der zweiten, wie er glaubt, zum Verwechseln ähnlich sieht, nicht bloß vom Aussehen, selbst der Ton ist von jener schrillen Sorte, die keinen Widerspruch erlaubt und die Sportler, egal, was immer sie tun, augenblicklich erstarren lässt, zu Salzsäure, wie man sagt, in ihren Bewegungen und automatisierten Abläufen, mit jenem Pfiff des Schaffners also, setzt sich der Zug auf Bahnsteig 5, Gleis 6 oder 7, in Bewegung, langsam die Station verlassend „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus…“ und wäre er, der Herr Ösi, anwesend gewesen, er hätte die Frau Doktor sehen können, die, ihrerseits am Bahnsteig stehend, erschienen war, zu prüfen, ob er, ihr Patient, Herr Ösi, wie empfehlend befohlen, das Angebot einer Zugfahrt in die Natur hinaus in Anspruch nehmen würde, was er nicht tat, da er, wie wir wissen, letzthin beim Hinausgehen aus dem Ordinationszimmer die Anordnung verworfen hatte, sich dieser Empfehlung zu unterwerfen, gleichzeitig, jetzt zu Hause in der warmen Stube sitzend, sich fragt, ob sie denn, die Frau Doktor, sich tatsächlich am Bahnsteig eingefunden hat oder ob er es nur denkt… unter dem Motto „Sie müssen ihren Arsch bewegen, Herr Ösi“, was sie freilich sooo nicht gesagt, mit Sicherheit aber gedacht hat, beziehungsweise, viel wahrscheinlicher, denkt er, wäre, sie ist nicht am Bahnsteig erschienen, sondern ebenfalls zu Hause in ihrer warmen Stube geblieben, hätte sich gesagt, besser daheim, als sich den wohlverdienten Sonntag versauen lassen auf herbstlich zugigen Bahnsteigen, bloß um zu überprüfen, ob dieser Herr Ösi, tatsächlich den von ihr vorgeschriebenen Zug in die Natur hinaus nimmt oder nicht, nein, würde sie zu sich sagen, denkt Herr Ösi, einem Patienten nachzuspionieren wäre nicht die elegante Art, einen zugegeben grauen Sonntag, noch nicht alt, vernünftig zu Grabe zu tragen.

Der Zug hält abrupt, so, als hätte sich, die Weiterfahrt verhindernd, ein Prellbock ihm unvermittelt in den Weg gestellt, die Fahrgäste purzeln wie unkoordinierte Kegel durch die Waggons, gefolgt von der Ansage, „Pottenstein! Pottenstein! Der Zug endet hiel! Bitte alle aussteigen!“ in fast tadellosem Deutsch, sieht man ab von dem „hiel“, welches eigentlich „hier“ heißen müsste und ja, diese Ansage ist der ganze Stolz des örtlichen Bahnhofvorstands, welcher, vor Jahren urlaubsmäßig unterwegs im fernen China, einen Marktschreier aus Chongqing, einen gewissen Wang, auch „der laute Wang“ genannt, dazu überreden konnte, wobei mitgebrachte Euroscheine sich als überaus nützlich erwiesen, die bis dato ins Mikrophon gesprochene Pottenstein’sche Bahnhofsansage auf Band aufzusprechen, nicht ganz perfekt, jedoch mit fernöstlichem Charme und zu einem Preis, der inländische Bahnhofsansagesprecher asbachuralt ausschauen lässt, der Preis bestimmt, wie und wo es lang geht, ach so, durch die sich öffnenden Türen hinaus ins Freie, in die herrlich lockende Herbstnatur gefallener oder fallender Blätter… die Männer, welche während der Fahrt ihre Flachmänner unter ständigem Zuprosten aufs schnellste geleert, verabschieden sich eilfertig von ihren Frauen und Kindern, wünschen ihnen ein vergnügliches und unfallfreies Wandern und torkeln, in der Hoffnung, für einige Stunden ungestört unter ihresgleichen zu sein, in die 10 Meter entfernte Bahnhofskneipe samt Flachmann-Ladestation hinein, die, von dem uns bereits bekannten Bahnhofvorstand betrieben, mit rescher Volksmusik die Gehfaulen zum Frühschoppen anzieht wie die Motten das Licht… äh nein, umgekehrt… Prost!

Mit dem Läuten der Kirchenglocken schreckt er hoch, der Herr Ösi, aber es ist nicht das vertraute, das gewohnte, das südliche Bimmeln, welches er so gern hört, sondern es ist ein unbekanntes, ein nördliches, ein, genau gesagt, nordöstliches Geläut Pottenstein’scher Mittagsglocken, welches ihn aus dem Schlaf reißt, pünktlich zu Mittag und kaum erwacht, nimmt das Geläut, wie von Zauberhand geführt, die geliebte südliche Klangfarbe an… nicht dass er was hätte, gegen das nördliche Gebimmel, es hat seinen Reiz, zweifellos, besonders wenn die Kirche im Dorf steht, was sie meistens tut, und dieses Dorf von Bergen umringt wird, was nicht selbstverständlich ist, dann klingen Kirchenglocken, durch umliegende Berge eingeengt, naturgemäß schroffer, härter, sie tönen kräftiger, mit blechernem Beigeschmack als im Flachen befindliche Gotteshäuser, deren Geläut, frei vom Widerstand begrenzender Berge, sich ungehindert über Wiesen und Flure ausbreitet, fröhlich hüpfend über Stock und über Stein… oh nein!, den ganzen Vormittag hat er verpennt, obschon die Natur ihn rief, ein Kerl, neben ihm auf dem Sofa liegend, schnarcht ungeniert… ch ch… ch ch… ch ch… er stupst ihn an, seinen inneren Schweinehund, welcher mühsam erwacht „Ey, wach auf, wir haben unseren Zug verpasst“, „… den du“, sagt der innere Schweinehund gähnend sich wieder zur Seite wendend „… ohnehin nie hättest nehmen wollen“ und schläft auf der Stelle ein.

Anmerkung des Autors: Pottenstein, in der Fränkischen Schweiz gelegen, ist zwar real existent, eine entsprechende Bahntrasse dahin samt Endbahnhof müsste jedoch erst gebaut werden.

27 Gedanken zu “Viecherl gerahmt, Teil 2

  1. Ich hab mich die ganze Zeit schon gefragt… Wir übrigens waren, denkwürdig weil oben begrüßt von einem Hagelunwetter, in selbiger Gegend auf dem Schlüsselstein.
    Meiner Erinnerung nach taugt ein Großteil des Frankenlandes (wegen genanntem Hagelsturm) mehr zur inneren Einkehr, also dem Gang von Wirtshaus zu Wirtshaus. Was aber sagt dazu die Frau Doktor, denn die fränkische Kost entspricht nur selten den asketischen Vorstellungen neuzeitlicher Medizinmänner und -frauen?

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    • Um die fränkische Kost mache ich einen großen Bogen. Nur ein einziges Mal ließ ich mich dazu hinreißen, Schäufele zu essen… zwar köstlich… danach aber war ich so angefressen, also, nicht dieses Angefressen sein, von dem der Ösianer spricht, wenn er etwas nicht mag, sondern so voll gefressen, dass ich mich drei Tage nicht bewegen konnte. Schluss mit all dem, hab ich mir gedacht, schließlich müssen ja noch Süßigkeiten in meinem Bauch Platz finden… 😉

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    • In Nürnberg… und nicht nur dort stehen die Lebkuchen seit Ende August in den Regalen der Supermärkte. Die Frage, wohin nur mit all dem, erübrigt sich wohl angesichts der leckeren Köstlichkeiten… 😉

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    • Mein Schweinehunderl tu ich lieben
      wir finden beide unser’n Frieden
      auszuruhen auf dem Sofa
      weil Arbeit, sie ist mühsam, sie ist doofa
      deshalb sind wir wir uns da einig
      zu vermeiden, was ist steinig
      willst Erleuchtung du echt kriegen
      bleib zu Hause und bleibe liegen… 😉

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    • Auweia! Ein übler Fehler!
      Der Ösi dankt herzlich seiner aufmerksamen und bibelfesten Leserin Clara Himmelhoch.
      Besser wäre es gewesen, Herr Wang hätte diesen Text eingesprochen. Dann wäre aus der falschen „Salzsäure“ automatisch eine richtige „Salzsäule“ geworden… 😉
      Zu spät.
      Um Buße zu tun, wird der Ösi, der kleine Sünder, den Fehler NICHT korrigieren.
      Er soll Millionen von Lesern des Ösiblogs ein warnendes Beispiel von menschlichem Irren sein…

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  2. „Das verstehe ich sehr gut!“ (Aus „Spruchkästlein für Azubis von Dr. Anna Lyse im erstem Lehrjahr. Erstellt unter besonderer Berücksichtigung der Elastizität der Sprungfedern in freudlosen Couches.“ Unterbewusstingen 2024, erste Auf-, Aus- und Ablage. Bestellen Sie jetzt, Sie Verbraucherschlingel!)

    „Der Junge hat Talent!!!, hätte Tante Paula gesagt, wenn es sie gegeben hätte (K. arbeitet eben an einer imaginären Großfamilie, damit er mehr Leuten ständig auf den Zeiger gehen kann).

    Fahren Sie fort, werter Herr! – Neu! Jetzt auch im wörtlichem Sinne!

    (… wenn ich hier auf „Gefällt mir“ klicke, erscheint mitnichten mein Konterfei; allein, das tangiert mich nur peripher… ph…)

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    • „Ha!“ – Ausruf des Erstaunens aus dem oben genannten Spruchkästlein, Ausgabe 2030, aus der begehrten Fjutscher-Edischn, die, mit dem reihernden Reiher oben drauf im Plemplem äh Emblem, und nur die, der Aufpreis lohnt sich allemal, kotzt, auf die vierte Nachkommastelle genau, die geforderte Zeilenanzahl – ohne Zutun, Knopfdruck genügt – automatisch ins Internet hinein, ersetzt selbsttätig ein Hahaha oder Hihihi in ein Ho-Ho-Ho, aber nur im Advent, wenn ein Lichtlein brennt… 🕯️

      Drücken Sie niemals „Gefällt mir“ oder sonst was, verehrter Herr Kollege, wenn Sie nicht wissen, was Sie tun… es könnte Ihre eigene Webseite zerfetzen, schreddern oder was auch immer… 😉

      Lassen Sie den zweiten Adventsonntag gemütlich auf sich zukommen, verhindern können Sie ihn eh nicht mehr, sagt treffsicher orakelnd
      Ihr geneigter
      Herr Ösi

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  3. In der Tat, wie Teal’c richtig bemerkt hätte! „Alles ist relativ!“, sagte das Stinktier und kotzte in Rosenbeet…

    (… daher ja auch der Begriff „Seitenumbruch.. – aua…)

    Und bedanken Wir uns für Seine gar artigen Wünsche und erwidern diese hiermit im Sinne feierlichen Adventilierens! – Oder so ähnlich…

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    • Captchas mag ich nicht. Ich denke immer, ich muss mich beeilen, weil es auf Zeit geht. Dabei geht es gar nicht auf Zeit. Also drücke ich schnell, schnell, schnell… und leider auf die falschen. Müsste ich Radfahrer drücken, drücke ich die Flugzeuge. Ist eben doch ein Zeitproblem… sag ich dann… wenn’s wieder nicht funktioniert hat…

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  4. Ich hab’s befürchtet. Das gerahmte Viecherl lässt tatsächlich auf sich warten. Da nützt der eingesprungene Schweinehund auch nicht, solange er hier nicht zu sehen ist. Es ehrt dich aber, dass du ihn ab und an rauslässt, zum seitlings Gassischnarchen quasi … 😉

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  5. Lieber Herr Ösi,
    eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack. Es ist ja mehr ein Bericht, ein Tatsachenbericht, der auf exakt analysierten Geschehnissen beruht, die nach wohl überlegter Entscheidung, gegen einen ärztlichen Rat, zum glücklichen Ende geführt haben. Das nennt man 2 Fliegen mit einer Klappe, wenn Mensch und Schweinehund gleichermaßen zufrieden gestellt werden.
    Ich wünschte, ich könnte häufiger diese zielführenden Entscheidungen treffen, aber ich vermeide, mir ärztliche Ratschläge zu holen, da meine Frau mir schon so viele Ratschläge erteilt, dass ich trotz eines angemessenen Zeitrahmens meines Rentnerdaseins, nicht einmal einem Bruchteil dieser Ratschläge durchdenken oder gar umsetzen kann. Ein einzelner Mensch wird regelrecht überflutet von Ratschlägen anderer, die exakt wissen, was richtig ist, selbst wenn sie es für sich selbst schwerlich oder gar nicht umsetzen können. Dass andere es tun sollen, ist ja auch leichter.
    Vom Sofa aus diese Zugfahrt zu erleben, ist jedenfalls besser als gar nicht zu reisen.
    Gruß Heinrich

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    • Lieber Herr Heinrich,
      die Krux ist, wir haben immer mindestens drei Meinungen zur Auswahl. Die eigene, die des inneren Schweinehundes und die eines anderen. Meist bin oder war ich der Verlierer. Früher jedenfalls. Mit fortschreitendem Alter finde ich es ganz okay, den inneren Schweinehund gewinnen zu lassen, statt eines Dritten… und dann profitieren wir beide davon. So bleibt der Sieg immer öfter im Haus.
      Die Zugfahrt habe ich ebenfalls vom Sofa aus mitgekommen. Besonders schön im Winter, wenn man unabhängig ist vom Wetter…
      Wir sollten öfter mal verreisen… 😉
      Gruß
      Herr Ösi

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  6. Antwort auf Herrn Ösi am „4. DEZEMBER 2021 UM 19:50“

    (… ein bisschen Ordnung muss sein… – sagte der Preuße und harkte den Sand im Kiefernwald…)

    Ich habe leider festgestellt, dass das mit den Captchas immer erst beim zweitem Mal funktioniert, auch, wenn ich beim erstem Mal richtig geklickt habe, und bei mir sind es übrigens dauernd Litfaßsäulen, Fußgängerüberwege oder Ampeln, letztere wahrscheinlich als mentale Vorbereitung auf die eben zu regieren beginnende Regierung; wahrscheinlich ist das überhaupt wieder ’ne Prüfung der Weltgeistin, hoho…

    Fürth Gott!

    (… was sind Herr K. heute wieder originell…)

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    • Captchas klingt irgendwie blöd oder spanisch, wobei ich nicht sagen möchte, Spanisch klänge blöd, nur ich kann’s halt nicht. Es klingt wie Chicas, wie diese Mädels oder wie diese Hühnchen mit oder ohne Pommes… 😉

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